„Wenn es einen Motor hätte..“

Yuba Mundo (Modell 1 2008)

Yuba Mundo (Modell 1 2008)

Eigentlich eine Liebesgeschichte. Begonnen hat es offiziell im Jahr 2008, richtig los ging es im Jahr 2009, aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann gibt es eine Vorgeschichte. Wie immer.

Fahrräder und ich. Wie gesagt, eine große Liebe. Das ist geht schon lange so. Aber hatte auch immer etwas dreckiges, radikales und billiges. Ich pflegte kein Rad, ich benutzte sie. Ich verbrauchte sie, ich entsorgte sie. Fahrräder waren immer überlastet mit dem, was ich ihnen antat. Markennamen interessierten mich nicht, da ich sowieso davon ausging, dass es sich nicht lohnte mehr Geld als notwendig rein zu stecken. 

Ich hatte Baumarkt-Fahrräder, Kaufhaus-Fahrräder und gebrauchte Fahrräder. Ich hatte Modelle, für die sich schnell keine Teile mehr fanden. Und erlebte so ungefähr jede Art von Verschleiss, die vorstellbar ist. Schaltungen, Bremsen und Lenkerverbindungen, die sich auflösten, genauso wie Ketten, die abfielen, sich um die Ritzel schlangen. Achter, die beständig und dauerhaft wiederkamen, wenn ich nur drei Meter fuhr und vieles mehr. Wenn Freunde behaupteten, dass sie sich ein Fahrrad fürs Leben kauften, dann winkte ich ab. Etwas, was man in den täglichen Straßenverkehr bringt – fürs Leben. Auf jeden Fall. Klar. Sicher. 

Yuba Mundo (Modell 1 2008)

Man muss dazu sagen: Ich wurde in den Sechzigern geboren. Und wuchs in den Siebzigern mit Freunden auf, die erst Bonanza-Räder und dann Mofas hatten. Ich hatte beides nicht. Kein Bonanza-Rad. Nichts mit Bananensattel. Und schon gar kein Mofa. 

Ich machte erst sehr spät einen Führerschein. Und dann auch nur widerwillig. Aber es war beruflich notwendig, also liess ich mich darauf ein. Jedoch besaß ich nie ein Auto. Ich nutzte zwar verschiedene Modelle, eine Menge Mietwagen, aber ohne rechte Überzeugung.

Ich fuhr Fahrrad. Meistens diese Rostigen, die sowieso niemand klaute, weil sie leidend und runtergewirtschaftet aussahen.

Fahrradkleidung probierte ich aus, und verwarf es wieder. Radlerhosen sahen bei jedem Anderen gut und sexy aus, ich fühlte mich nicht wohl. Ich bin nicht schlank, ich bin nicht drahtig. Sport interessiert mich nicht besonders.

Ich fahre nur Fahrrad, und das, bis ich runterfalle.

Yuba Mundo (Modell 1 2008)

Einen Helm trage ich ebenfalls nicht. und dafür habe ich nicht mal eine gute Begründung. Wahrscheinlich haben alle recht, die das unvernünftig finden. Ich bin nicht sonderlich vernünftig.  Ich weiß, dass es Sprüche gibt wie „Wer ein Hirn hat, der schützt es!“.

(PS. Und Nachtrag. Das ist wichtig. Als ich dieses schrieb und vorbereitete, hatte ich mich noch nicht mit dem Singlespeed-MTB in die Anhöhen des nahen Odenwaldes gewagt. Mittlerweile werde ich eine Helm kaufen/tragen und empfehlen. Das ist unverantwortlich ohne Schutz auf dem Kopf. Ich werde darauf nochmal eingehen, aber im Ernst: Das macht man nicht ohne. 

Ich werde aufrüsten)

Yuba Mundo (Modell 1 2008)
Yuba Mundo Lastenrad / Cargobike (Modell 1 2008) (Foto: Andreas Allgeyer https://notsourban.com)

Warum ich meine Fahrräder regelmäßig verschliss, war sehr einfach zu erklären: Sie mussten für alles herhalten. Für die schweren Einkäufe, für die Landfahrten, für die Stadtfahrten und was sonst noch so anfiel. Sie mussten kompatibel mit jeder Situation sein und verdammt viel tragen können. Gepäckträger haben alle ein Manko.

Wer es noch nicht rausgefunden hat, wo das beim eigenen Gepäckträger liegt, hat das Ding noch nicht belastet. 

Bei all dem Schrott, der sich in meinem Keller über die Jahre ansammelte, war immer der Wunsch nach einem stabilen, unverwüstlichen Fahrrad im Vordergrund. Einem Gefährt, das in der Lage war, alles zu meistern.

Yuba Mundo (Modell 1 2008)

Fahrräder hatten sich im Laufe der Jahrzehnte immer mehr spezialisiert.  Dass es mal Räder geben würde, mit denen man hauptsächlich auf Wanderwegen in den Bergen herumfährt, daran hatte ich in meiner Jugend nicht mal im Traum gedacht. Heute gibt es Fahrräder zum Reisen, für die Stadt, für den Strand, für das schnell Fahren auf glattem Untergrund, oder für das schnelle Fahren auf dem Schotter. Wer das will, kann sich Fahrräder wie Schuhe kaufen, und je nach Situation entscheiden, was heute gerade passt.

Yuba Mundo (Modell 1 2008)
Yuba Mundo Lastenrad / Cargobike (Modell 1 2008) (Foto: Andreas Allgeyer https://notsourban.com)

Es gibt ein paar Herausforderungen, an denen man messen kann, wann sich Zufriedenheit einstellt.

Man nehme ein Kasten Mineralwasser.

Passt dieser ( als PET-Modell ) aufs Fahrrad, dann bleibt die Überlegung, was sonst noch bei diesem Einkauf mitgenommen werden kann. Vielleicht ein zweiter Kasten? Spätestens hier beginnt die Frage, ob die Straßenverkehrsordnung sowas zulässt oder unterstützt. Es gab mal ein geniales Teil, dass sich in den Gepäckträger spannen liess und links und rechts Haken für zwei Kästen Mineralwasser anbot. Das war nicht ungefährlich, aber die Kästen hingen wie Satteltaschen am Rad und es wirkte ausgesprochen professionell.  Eine Zeitlang wurde das verkauft, aber irgendwann verschwand es kommentarlos vom Markt. Spätestens bei zwei Kästen Bier hört der Spaß auf. Wenn das Kunststück mit Spannern zu vollenden ist, leidet das durchschnittliche Rad dennoch merklich darunter. Das kann bis zum Achsenbruch gehen. Alles schon erlebt. Ich kenne mich aus. 

Ich suchte was anderes. Der Begriff Lastenrad brachte im Jahre 2008 schon einige Treffer, war aber noch nicht wirklich geläufig. Das lag daran, dass die Vorstellung schwere Lasten mit einem Rad zu transportieren, immer einen leicht masochistischen Beigeschmack hat.Wer macht sowas, und vor allem warum? In Deutschland wurde das Lastenrad Yuba-Mundo entworfen. Es war ein schweres (23 kg), langes (2,10 m) , aber höchst tragfähiges Fahrrad (200 kg Nutzlast zum Fahrergewicht, also insgesamt 300 kg). In der damaligen Pressemitteilung war die Rede von einem Konzept für die dritte Welt, das auch – aber nicht hauptsächlich – in Deutschland ausgeliefert wurde. Allerdings, und das machte mir Sorge, nur in einer Selbstbauweise, die voraussetzte, dass man das ganze Ding komplett eigenständig zusammenschrauben musste. Etwas, was mir nicht geheuer war, da ich technisch nicht unbedingt zu den geschicktesten Menschen gehöre.

Yuba Mundo (Modell 1 2008)

Ich bestellte dieses Rad und bekam es in Teilen geliefert. So schnell wie möglich, leitete ich es direkt nach Freiburg, wo ein wesentlich versierterer Bekannter es zusammenschraubte. Zum Yuba Mundo ist zu sagen, dass es sich bei meiner Variante um den Urtyp handelt. Dementsprechend heftig und anstrengend war der Zusammenbau. Es verbargen sich dahinter noch Ideen, die eher der Stabilität als der Ergonomie beim Verschrauben entsprachen. So steht die ganze Konstruktion unter Spannung. Der hintere Teil wird als verzogen, unmöglich und Kraftakt beim Verschrauben empfunden. Da man das aber im Grunde nur ein einziges Mal macht, ist es wahrscheinlich noch vertretbar. Ich habe das noch nie auseinander geschraubt und meines Wissens wagt sich auch kein Fahrradmechaniker einfach so daran.

Wenn man heute den hinteren Teil betrachtete, so haben sich die Stütztstangen des fest verbundenen Gepäckträgers geändert. Es gibt nun auch Bohrlöcher für Holz-Auflagen, an die beim ersten Modell überhaupt nicht gedacht wurde. Die Straßenverkehrsordnung sah noch nicht vor, dass auf einem solchen Rad ein weiterer Passagier mitgenommen werden kann. Wir probierten es später trotzdem aus. Es funktionierte einwandfrei. Ich bin immer noch der Meinung, dass die unteren Stützflügel für die Fußablage dienen, auch wenn dieses quasi nur angedeutet wird. Tatsächlich waren all die Verstrebungen eher praktisch für Spanner und Seile, die man rund um das Rad legen konnte.

Im Gegensatz zu vielen anderen Lastenräder, die vorne oder hinten eine größere Ablagefläche bieten, wirkte das Yuba Mundo wie ein SUV. Es war schwer, groß, breit, und bot sich mit seinen fetten Rädern durchaus für den normalen Fahrradverkehr an. In Mannheim gibt es eine Zeitung, die mit blauen Fahrrädern Post und Sendungen ausdrückt. Aufgrund der massiven Konstruktion und weil diese Variante blau war, wurde ich durchaus damit verwechselt, wenn ich mich Mannheim näherte. 

Yuba Mundo (Modell 1 2008)

Das Yuba Mundo verkaufte sich meines Wissens nicht besonders gut. Es wurde eine Zeitlang in einem Shop geführt, der sich auf alte Produkte verschrieben hat, aber verschwand – obwohl schon optional der Einbau eines Motors angeboten wurde – vom deutschen Markt. Das war erstaunlich und für mich nicht nachvollziehbar, weil ich davon ausging, dass es eigentlich eine deutsche Erfindung war. Trotzdem wurde das Fahrrad in Amerika weiterentwickelt und im Folgenden mehr und mehr motorisiert. 

Ich selbst nutzte es im Alttag wie ein normales Fahrrad. Ich musste treten, ich musste pumpen, aber wenn das Ding rollte, dann wirkte es wie ein normales Rad und selbst eine Tour Ludwigsburg-Heidelberg war machbar. Kein Problem. Es hatte immerhin eine Gangschaltung mit sechs Gängen, die zwar nicht für Geschwindigkeitsrekorde taugt, aber Aufstiege erleichtert. 

Das Yuba Mundo erregte Aufsehen. Und so mancher meinte, ich hätte es mir genau deswegen angeschafft. Nein, es war das erste Fahrrad, das mich aushielt. Was eine Leistung war, die ich anerkennen musste. Bisher gab es kein Fahrrad, dass mir nicht unter dem Hintern zusammengebrochen war. Das Yuba Mundo erwies sich als unverwüstlich.

Yuba Mundo (Modell 1 2008)
Yuba Mundo Lastenrad / Cargobike (Modell 1 2008) (Foto: Andreas Allgeyer https://notsourban.com)

In einem Artikel, den ich vor zehn Jahren schrieb, nannte ich die Fahrweise mit dem Yuba pures Zen. Es geht wirklich ums Fahren, um den Weg, um die Ruhe und die Zurückhaltung. Man wird überholt, sitzt aber bequem und fest. Man braucht Zeit, aber man ist derjenige, der die Bierbänke seitlich dran schnallen kann. Oder die fünf Bierkästen transportiert. Man kommt an. Rollt das Ding, dann fährt es. Und es fährt sanft, lässig, während die Sitzhaltung gerade, holländisch und entspannt ist. Ich fahre meistens einhändig. 

Es geht in die Oberschenkel, und ist damit ein komplett anderes Fahrtgefühl als mit dem Rennrad. Es ist etwas für Ausflüge zwischen den Feldern, dem lässigen Transport und einer ausgeruhten Fahrweise. Es hat gar nicht mal soviel mit Kraft zu tun, obwohl jeder meint, dass Fahren ohne Motor sehr anstrengend sei. Dem ist jedoch nicht so. Anstrengend wird es nur bei Brücken oder Erhebungen, aber auch da reichen die sechs Gänge aus und machen es eher zu einer Frage der Technik.

Erst als ich schneller voran kommen wollte, und zum Singlespeed wechselte, stellte ich das Yuba nach einigen Jahren ausgiebiger Nutzung ab.

Yuba Mundo (Modell 1 2008)
Yuba Mundo Lastenrad / Cargobike (Modell 1 2008) (Foto: Andreas Allgeyer https://notsourban.com)

In den letzten Jahren stand es vor meinem Haus, in Wind und Wetter, ohne Abdeckung  und ohne Schutz. Als eine Bekannte meinte, es sei doch eigentlich an der Zeit mal etwa gegen den Rost zu machen, hatte ich die Sorge, dass es wahrscheinlich beim Anfassen einfach aus einander fällt. Jedoch – vom Rost befreit, einen Schlauch ausgewechselt, die Kette geschmiert, fährt es leise, mit funktionierender Gangschaltung und guten Bremsen wie vor 10 Jahren. Und damit ist es wieder Teil der Familie. Es rollt wieder, es rockt wieder, es transportiert wieder Einkäufe und es passiert genau dasselbe, wie vor vielen Jahren. Nur lautet nun der Spruch: „Hm, kein schlechtes Rad. Wenn es jetzt noch einen Motor hätte…“

Yuba Mundo (Modell 1 2008)

 

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