MS Dockville , der erste Tag

Chefboss

Der erste Tag ist immer Gelände erkunden, mal rausbekommen, wo man eigentlich ist und was die hier so machen. Viel gehört, nichts konkretes weiß man. Eine Menge schöner Bilder, und eine Menge gelesen übers Wetter. Ja, das Wetter. Sonne, dunkle Wolken, Regen und dann doch wieder alles gut. So geht das schon seit Tagen.

Nach so einem Jahrhundert-Sommer ist das dann auch eine Art entspannte Normalität. Insofern, das habe ich schon vor kurzem in Kiel gelernt – wenn das Wasser vom Himmel kommt, einfach weiter machen.

Ein paar Worte über die Location: neben den großen Bühnen, dem allgegenwärtigen Hafen, dem Ambiente, das ich im Touristenmodus sowieso suche, handelt es sich um ein Areal, bei dem mir das Herz aufgeht. Streetart! Kram, dem ich sowieso hinterher jage, Künstler, die ich nur über’s Internet verfolge. Großartiges Zeug stellt hier die Kulisse für die Food-Stände und Electrobeats dar. Daher werde ich im Laufe der nächsten Monate sowieso jedem vorschwärmen. Warst du noch nicht? Musst du hin!

Die wenigstens Künstler auf der Bühne waren mir vorher bekannt. Was nichts über die Qualität sagt, sondern eher über mich. Früher war Musik einfach da und rund um die Uhr irgendwie präsent. Heute wird sie seltener gehört. Dafür dann aber dankbarer. Hat auch etwas, ist aber, um ehrlich zu sein und eine Ausrede zu haben, weniger dem Alter als dem Stress geschuldet.

Granada aus Graz waren eine Entdeckung, die ich mitnehmen werde. Blues und seine schnelleren Varianten mit der Selbstironie, die den Österreichern wohl innewohnt. Mit einem Augenzwinkern singen sie den Abgesang auf eine vergangene Liebe und bei der Erwähnung von den Grüßen nach „Scheiss-Berlin“ging man hier fröhlich mit. Schönes Liedgut mit Akkordeon fein präsentiert. Der Norden ließ sogar die Sonne raus, und dann war es einfach nur noch Festivaland.

Und auf dem ackerte sich Chefboss fröhlich ab. Starkes Stück zum Rumhüpfen, abfeiern und dranbleiben. Hatte ich schon von gehört. Live ist das fett, geradlinig, basslastig und was für die Tanzhalle in der auch sonst dunkles Zeug läuft. Mag ich sehr. Packt, hat Humor, Tänzerinnen und einen versierten DJ. Wissen was sie tun.

Dengue Dengue Dengue standen schon lange auf der Liste. Ich bin mit gar nicht so sicher, ob ich die nicht schon mal irgendwo gesehen habe. Gechillter Worldbeat, so kenntnis- und facettenreich zusammen gewurschtelt in einem endlosen Mix mit ständigen Anklängen in Richtung Latino ist eigentlich genau das Ding, das immer wieder bei mir durch die Bude rollen will. Wer blickt da noch durch? Man hört ja selbst im Alsterhaus so einen coolen Background, da wären lockeres Steppen durch den Luxus angesagt. Kurz: ich habe keine Ahnung wie oft mir die Jungs hinter den Masken schon über den Weg gelaufen sind, aber sie dürfen das ruhig öfter tun. Nur eines beschäftigt mich immer wieder: All diese DJs, Mixer und Grossmeister an ihren Airbooks, was treiben die eigentlich wirklich da oben? Es wirkt sehr versiert und improvisiert wie bester Jazz, aber unter uns, gibt’s da wirklich soviel zu tun? Mögen tue ich es trotzdem. Jedem, der die Mädels zum Tanzen bringt und mich zum Fingerschnippen, hat es verdient gelobt zu werden. Immer wieder.

The Soft Moon waren eher abschreckend in der Beschreibung. Ich meine, Post-Punk, wieso sollte ich mich für etwas interessieren das sich so nennt? Das nehme ich nicht ernst. Wo ich dann eher zufällig reinstolperte, das war ein infernalischer Krach auf einer Minibühne mit einem Verrückten, der sich die Seele aus dem Leib trommelte und einen komplett Irren, der als zusammen schrie. Und was dabei herauskam, das war nicht weniger als die ungebändigte Entdeckung des Abends. Fieses, schmerzhaftes Zeug mit so viel Leidenschaft heraus gebrüllt – will man wieder hören. Sehen. Reinlassen. Gott, was die sich trauen. Dafür Dank!

Bonobo war einer derjenigen auf die ich gehofft und gewartet hatte. Allerdings blieb der Auftritt zwar frickelig-versiert und gekonnt in Licht und Schatten, aber erreichte mich weniger als ich dachte. Möglicherweise schon zuviel gehört, möglicherweise war es mir auch zu ambitioniert und kunstvoll. Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen, ich besitze fast sein komplettes Oeuvre und neige dazu seine Werke ohne vorheriges Reinhören zu kaufen, aber es gab nur Momente, die mich gefangen nahmen und im Ganzen fehlte mir wahrscheinlich eine Tasse Tee und ein zurückgelehnter Sessel. Ihr dürft mich einen alten Sack nennen.

Ansonsten: Viele lokale Helden, die enthusiastisch gefeiert werden. Zu Zeiten, in denen es auf dem Gelände durchaus noch leer und ruhig zu geht. Für erste Bengaloos noch vor Sonnenuntergang, der Staub war da schon höher als die Bühne. So kenne ich das bisher nur vom Fest in Karlsruhe.

Zu loben ist die Organisation, die Vielzahl der Essenstände, die Rückzugsorte, aber auch die Fahrrad-Garderobe, die eine geschätzte Erfindung ist. Ebenso der mustergültige Einlass, der erstaunlich fließend und rasch vor sich ging. Selten so schnell ein Bändchen bekommen, keine Schlangen, schnelles durchkommen. Perfekt macht ihr das. Ihr dürft dem Modular in Augsburg gerne etwas davon erzählen. Die sind auch sehr nett, aber das mit dem Einlass bekommen sie nicht so gut hin.

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