Teil 9 „Misa“

Eines Tages, als der Schnee dichter fiel als sonst, und die Hand vor den Augen schon vereist war, bevor man sie noch höher heben konnte, trieb der Wind ein übles Spiel mit Bald John Peacock. Die Wölfe kreisten ruhelos durch die Wälder, doch wagten nicht ihm näher zu kommen. John war nicht wehrlos, auch wenn sein Gang durch den Schnee gebückt war und sein Atem schneller ging. Die weiße Masse reichte ihm bis zu den Hüften, und ein Ende des Winters war nicht abzusehen sehen. Die kleineren Tiere hatten sich in ihre Höhlen verkrochen, die Menschen ihre Hütten abgeschlossen. Es war für kein Lebewesen ratsam in dieser weißen Hölle zu verbleiben.

Die Kälte klammerte sich an sein Herz, die Finger dagegen um seine Waffe. Er stützte sich auf sie, stocherte damit im Schnee, zog sich voran und nutzte sie als Krücke. Er schleppte sich nach Kräften durch den Wald, und jeder Gedanke war nur noch auf das Ziel geheftet. Seine Augen suchten nach irgendeinem Leben, einem Punkt in der Wildnis, der all das nicht sinnlos machte.

Es war nicht der erste Blizzard, den Bald John Peacock in den Bergen erlebte. Und er kannte die Gefahren. Die Tannen, die sich im Sturm wogen, die Schneelast, die sie zur Erde drückten, und die Lawinen, die losgelöst durch das Gewicht alles mit sich rissen. Bald John Peacock lauschte in die Ferne auf das Stöhnen des Holzes, das Ächzen in den Ästen und das kreischende Brechen der jungen Stämme, die einfach nachgaben und andere mit hinabzogen. Er war nur ein Punkt in diesem ganzen Spiel. Aber genau dieser Punkt wurde beobachtet.

Er konnte die Einsamkeit lieben, soviel wie er wollte. Wenn sich die ganze Welt gegen ihn stellte, wurde sie ihm bewusster als je zuvor. Es gab nur einen, auf den er sich nun verlassen konnte, und das war er selbst. So kämpfte er sich weiter. Seine Hände gefroren an dem Metall seiner Waffe, seine Hosen versteiften sich vor eisiger Nässe und von seinen Haaren brachen die Zapfen ab. Er kannte das, was kam. Die bleierne Ruhe, die sich über alles legte, die Gedanken, die sich verlangsamten, und dieses schwere Gefühl, das nach einem Moment der Ruhe verlangte. Einfach nur sitzen, während der Schnee sich senkte, einfach nur sitzen. Er zog sich hoch, durfte dem nicht nachgeben, aber je mehr der Wald seine Farbe verlor, umso mehr beschlich ihn das Gefühl, den letzten Blizzard zu erleben.

„Verdammt, John, nicht jetzt!“

Zentimeterweise kämpfte er sich weiter. Schritt um Schritt. Wie hypnotisiert hörte er die Wölfe langsam näher kommen. In der Klarheit der kalten Luft konnte er ihre Wärme riechen. Ihren Atem bereits spüren. Sie kreisten ihn ein, das verendende Wild. Sie jagte in der Gruppe. Beneidenswert, dachte er. Ich werde mich in ihrem warmen Blut suhlen. Verdammt. Dachte er. Und zog sich an einem Ast hoch, hangelte sich weiter, stützte sich auf einen Baumstamm, gelangte in eine Lichtung und stand mitten im Sturm. Die Flocken kamen wie ein Teppich über ihn, aber trotzdem erblickte er die Wölfe, wie sie langsam zu ihm kamen. Er umklammerte sein Gewehr, zielte, drehte sich im Kreis, doch wo er sie eben noch gesehen hatte, da war jetzt keine Wölfe mehr. Sie umrundeten ihn. Er versuchte sich zu konzentrieren. Doch seine Augenlider begannen schwer zu werden, seine Gedanken lahmten und er stak fest. Es ging einfach nicht mehr weiter.

„John, du wirst sterben. Hier und jetzt, du verdammter Halunke. Sie werden nichts mehr von dir finden. Du wirst sterben. Mist. Mist. Mist!“

Er verzerrte das Gesicht, aber jede Regung war ein Schmerz, ein Stechen, seine Haut war wie alte Rinde. Sie gehorchte ihm nicht, sein Gesicht hing an ihm wie ein Fremdkörper, die Muskeln darunter gehörten ihm nicht mehr. Er zog Grimassen, es half nichts.

Seine Worte fielen nicht mehr aus seinem Mund. Sie widerhallten Kopf wie in einer leeren Höhle.

„So ist das also. Verdammte Wölfe. Verdammter Schnee. “ Er zuckte zurück, sah hinauf, legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen, öffnet den Mund, sog Schneeflocken ein und als er plötzlich wieder nach oben blickte, war der Himmel dunkel. Etwas hatte sich vor das Licht geschoben, den Schnee abgehalten und spiegelte ihn wieder, nur ungleich höher, einsam im Schnee. Ein Fleck von anderen Flecken umkreist, die er nun sah, und die langsam näher kamen. Und dann löste er sich auf, verlor dieses Bild und vergaß.

Er wachte in einem fensterlosen Raum auf, der schwach beleuchtet, unbeholfen zittrig flackerte. Aus der umgebenden Dunkelheit heraus wurde ihm eine Schale Bohnen mit Speck gereicht und nur daran konnte er festmachen, wie sich die Zeit fortbewegte. Die Wiederholung ergab ein Muster. Nach seiner Vorstellung war er über einem Monat in diesem Kerker gewesen, aber es können auch zwei Monate gewesen sein, oder weniger. Er wusste es nicht. Die Zeit dehnte sich wie zähes Rauchfleisch und wollte kein Ende nehmen. Sie hatten ihm seine Waffen gelassen, einen ganzen Patronengurt voll und sein Gewehr, doch egal worauf er schoss, ob es die Hand oder die Wand war, nichts zeigte Spuren durch seine Versuche. Alles blieb einfach so, wie es war. Die Rituale blieben gleich.

Er krümmte seinen Rücken, sein Gang wurde gebückt, er roch in allen Ecken, tastete die Wände bis zum Boden ab. Suchte Mechanismen, bewegliche Teile, aber alles ging ungerührt weiter, wie am ersten Tag. Der Schweiß lief ihm hinab, er füllte den Raum mit seinen Gasen an, er atmete hektisch ein und aus. Er stellte sich tot. Er ließ die Schüsseln mehrere Durchgänge unberührt. Er kotete jede Ecke einmal ein. Nichts half. Die Eintönigkeit nahm kein Ende. Er kam nicht raus. Er lauerte der Hand auf, sprang sie an, und knallte gegen eine unsichtbare Wand, stolperte und blieb benommen liegen.

Mehr und mehr kroch ein Tier in ihm hervor, dass ihn lauernd und knurrend in der Ecke sitzen ließ. Er war es gewohnt, seine Entscheidungen alleine zu treffen. Es war nichts ungewöhnliches, die Tage in Einsamkeit zu verbringen, aber er hatte die Natur um sich herum. Doch hier musste er die Natur in sich tragen. So saß er meistens an eine Wand gelehnt, gegenüber der vermeintlichen Öffnung, durch die ihm der Eintopf gereicht wurde und horchte in sich hinein. Er fletschte die Zähne, wenn er die Hand auftauchen sah. Bellte, wenn sie nicht gleich weichen wollte. Und blies durch die Zahnreihen, wenn er bedrohlich wurde und sich langsam von der Wand löste. Seine Schultern hingen herab, sein Bart ließ das Weiß seiner Zähne hervorstechen und seine Augen verengten sich zu Schlitzen, während er seine Nüstern blähte. Er war kurz vor dem Explodieren. Er nahm sich vor, wann immer das geschehen sollte, wie immer es auch erfolgte, dass er den Ersten, der sich ihm näherte, in der Luft zerfetzen wollte. Er malte sich tausend Todesarten aus, die er diesen Wesen bescheren wollte. Egal wie sie aussahen, egal, wie sie bewaffnet waren. Sollte er dabei sterben, dann würde er trotzdem in ihrem Blut baden, und alles was danach kam, das war tausendmal besser, als das, was sie ihm antaten. Er murmelte leise die Möglichkeiten, die er hatte, vor sich her. Er würde ihnen das Gewehr in jede Öffnung bohren, weitere Löcher mit ihm schaffen, sie skalpieren, vierteilen, mit den Fingernägeln einzelne Hautstreifen abziehen, sie in Stücke hacken, den Wölfen zum Fraß vorwerfen, sie bei lebendigem Leib im Wasserfall zerschmettern, sie mit den Füßen in den Tannenwipfeln aufhängen, mit Honig bestreichen und den Bären zum Fraß vorwerfen und , oh, er war noch nicht fertig.

So glichen sich Tag und Nacht. Und er verkroch sich unter seinen Haaren, krümmte sich in eine Ecke, versuchte dem immer gleichen Flackern zu entgehen, diesem nervtötenden Leuchten, das nicht stoppen wollte. Er schlief, wenn ihm die Augen zufielen, bewegte jedes Gelenk, streckte sich, wenn er aufwachte, machte Dehnübungen, wenn er sich unbeobachtete fühlte, und versuchte seine Muskeln zu behalten.

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