Teil 3 „Misa“

Gerechnet an meinem Bartwuchs dauerte es Monate, die wir im Bauch des lebenden Schiffes verbrachten. Wir konnten uns nicht selbst begutachten, aber ich nannte Bengal schon scherzhaft „Freitag“ und mich selbst „Robinson“. Meine Untätigkeit und die Begrenztheit unserer gemeinsamen Zelle führten mich zu Selbstgesprächen und fortwährenden Beleidigungen meiner Person.

„Du Hund, du musst mit ihm reden. Du musst ihm von deinem Schicksal erzählen. Du musst sein Herz erweichen.“

Ich hielt innen.

„Hat es überhaupt ein Herz? Du Arschloch, vermutest ein Herz in diesem Wesen? Worauf begründet sich das? Ist doch nur eine Maschine.“

Ich sprach von dem Schiff. Ich begann durch das hypnotische Geflacker wahnsinnig zu werden, und spürte wie mir der kalte Irrsinn den Nacken hochkroch. Unsere beiden Mitgefangenen wurden im Nichts einer unbestimmten Zeit von Pentats Gefolge abgeholt. Ich hätte gerne gesagt, es wäre eines Tages passiert. Aber was waren Tage? Was Wochen? Was Monate? Sie packten die beiden Menschen im Genick, so wie wir es mit Hundewelpen zu machen pflegten, hoben sie ein wenig in die Höhe – gerade so, dass die Füße nicht den Boden berührten- und nahmen sie mit.

Wen Bengal in die Küche gebracht wurde, und Kleinstlebewesen noch kleiner schnitt, dann tastete ich die Wände immer wieder ab. Ich suchte Unebenheiten, Wärme, die Blut vermuten liess, oder irgendetwas, was mir ermöglichte in Verbindung mit diesem Ding zu treten, in dessen Gedärmen wir uns aufhielten.

Ich glaubte, meine Gedanken seien Schreie, die ein jeder hören musste, und mein Sprechen sei ein Flüstern. Tatsächlich war es umgekehrt. Ich war dazu bereit vollkommen ab zu driften, und irre zu werden. Und hatte es wohl nur Bengal zu verdanken, dass ich nicht begann, mich selbst aufzufressen.

Ich beleidigte schließlich auch das Schiff. Ich schrie es an, ich trat es, ich boxte in die Wände. Und es war vollkommen klar, ich verletzte nur mich selbst.

Das Flackern des Lichtes blieb. Es war regelmäßig, auch mal unruhig, je nachdem, ob es wohl einen Adrenalinspiegel gab oder nicht.

Die Landung fühlte sich an, als würden wir ausgekotzt. Wir verloren den Boden, hoben ab, hielten uns kurz an der Decke, versuchten uns in die Wände zu krallen, unsere Mägen stülpten sich fast nach außen und das Schiff stöhnte, als hätte sein letztes Stündlein geschlagen. Es ging in dem Tempo eines stürzenden Aufzugs hinab, aber wir konnten nicht mal ahnen, wie tief runter es eigentlich gehen sollte. Es war eine Fahrt, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Und ich glaubte schon viel erlebt zu haben. Meine Eignungsprüfung zum interstellaren Vorkoster war eine unendliche Menge an bösartigen Stürzen. Jedoch war keiner so lang, so unbestimmt und in einer kleinen Zelle beheimatete, die angstvoll vor sich hinflackerte.

Ich krallte mich in Bengals Haaren und brüllte, ohne das ich es merkte.

„Ich hasse das! Ich hasse das! Ich hasse das!“

Er erzählte es mir hinterher. Ich hätte ihm beinahe das Genick gebrochen, so riss ich an seinem Kopf. Ich sah die Kratzspuren von meinen Nägeln. Normalerweise habe ich sehr kurze Fingernägel, aber das sollte im richtigen Licht betrachtet werden. „Robinson“ besaß auch keine Nagelschere, und ich stank sowieso schon wie ein wildes Tier, darauf kam es nicht mehr an.

Pentats Planet sah aus wie ein Gemischtwarenladen, in dem ein Taifun sich ausgetobt hatte. Entweder sie hatten bisher nur Kriege erlebt, oder das war Absicht. Nur ein Architekt, der kontinuierlich einen guten Draht zu seinen Dealer hatte, konnte sich so etwas ausdenken. Kein Gebäude passte zu dem anderen. Es gab Kinder, die ihre Bauklötze kreativer umschmissen.

Bei näherer Betrachtung, also genau dann, als ich mich auf den Boden schmiss, weil er fest und hart war, und die Sonne mir das Augenlicht raubte, erkannte ich, dass wir auf dem Dach eines unendlich hohen Hauses gelandet waren. Unser Schiff, das ich blinzelnd versuchte zu erfassen, war weitaus größer und schlichtweg gigantischer, als ich mir es vorgestellt hatte. Wal war nicht der richtige Ausdruck, und nicht mal Superwal würde es annähernd beschreiben. Man nehme die größten Tanker der Erde, drei davon aus der Raumflotte und schweiße sie irgendwie, ohne Rücksicht auf Verluste zusammen, so gut es eben ging, dann kam man der Sache näher. Das so etwas fliegen konnte war nur mit der Aerodynamik der Hummel zu erklären.

Und es war ganz offensichtlich ein Lebewesen. Es blinzelte zurück. Ungefähr in der Mitte des Verbundes hatte es ein großes Glubschauge, dass es vorzüglich rollen konnte. Es schien leicht genervt. Oder es war einfach nur froh mich außerhalb seiner Innereien zu sehen.

Die Landeplattform war aus einem durchsichtigen Material. Sehr glasähnlich. Ich vermutete, das war notwendig, sonst hätten, alle, die ich unter uns sah, ihr Leben wohl in der dunkelsten Nacht verbracht. Ich hätte es ihnen gegönnt.

Pentat selbst war nirgendwo zu sehen. Dafür sah einen großen Teil der Meuterer auf der Plattform stehen und konnte mir vorstellen, wie durchgeknallt ich gewirkt haben muss. Sie alle hatten Augen wie Schlitze, ein Gestrüpp im Gesicht, soweit sie männlich waren, und knurrten und bissen um sich. Gut die Hälfte von ihnen wirkte so, als gäbe es da keine Hirne mehr zum weichkochen. Die Zellen schienen ihnen den Rest gegeben zu haben. Pentats Mannschaft kümmerte sich nicht weiter um uns. Und so senkte ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Glasboden und dem Treiben unter mir zu. Ich sah unverschämt viele Wesen. In den verschiedensten Größen, Arten und Formen. Einige von ihnen glimmten wie Glühwürmchen. Und daher konnte ich sie selbst dann erkennen, wenn sie nur Stecknadelkopfgroß schienen und sich auf den Bahnen, die wohl Straßen waren, wie in einem Mahlstrom hin und her bewegten. Als würden sie gleiten, wären getrieben und alles nur ein Uhrwerk. Es waren so viele, dass ich ihre Zahl nicht mal schätzen konnte. Und obwohl nichts in meiner neuen Umgebung einer höheren Ordnung zu gehorchen schien, fand sich doch in dem Kommen und Gehen unter mir kein Chaos, sondern nur Ströme und Bewegungen ohne Stau und Hindernisse.

Mag sein, ich bin nur ein Vorkoster und nicht berufen hier ein endgültiges Urteil zu fällen, aber das war wahrlich alles sehr unsinnig. Während ich darüber sinnierte, zog man mich plötzlich hoch, liess mich kurz baumeln, gab mir dann aber schnell rechts und links eine Ohrfeige und schleifte mich, nahe einer Ohnmacht, einfach so hinter sich her. Ich spuckte Blut auf den Glasboden, und tat das so häufig wie möglich. Hätte ich noch mehr Körperflüssigkeiten gehabt, ich hätte vor nichts zurück geschreckt.

Aber Wasser war rar. Mit diesem Fett, das Bengal Melkfett nannte, hätten sie uns ausstopfen können, soviel hatten sie davon, aber mit dem Wasser sah es gar nicht gut aus. Wahrscheinlich war deswegen ihre Haut so ledrig und ihr Humor so trocken. Ich hatte doch keine Ahnung. Wir überlebten gerade mal so. Was bewies, sie wußten mehr über uns. Sie hatten Ahnung.

„Ihr wart doch schon bekannt, bevor ihr einen Fuß in unser Territorium gesteckt hattet!“

„Misa!“

„Doch, alle beobachten die Völker, die die nächsten sein könnten. Das ist Selbsterhaltungstrieb. Mehr nicht. Das muss so sein. Du wirst es mit der Zeit verstehen.“

Misas Volk war klug. Barbarisch in den Sitten, aber klug.

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