Kapitel fünfunddreißig „Ach, Bankea“

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Ich wankte auf die Küchenfenster zu. Es war schwierig. Erforderte den letzten Rest meiner Konzentration. Ich konnte Karl nicht mitteilen, was ich vor hatte. Die Lautstärke meiner Stimme war schwer abzuschätzen. Wenn sie überhaupt noch vorhanden war.

Ich glich einem alten Trunkenbold. Mein Gang durch den Garten wurde zu einem Hangeln, weniger zu einem eigenständigen Gehen.

Mein Blick blieb starr und eingeschränkt. Jedes Ausweichen erschien mir wie ein Kraftakt. Ich war überrascht, wie sehr sich Teile von mir unabhängig bemühten den Normalzustand zu erreichen. Ohne das ich irgendwie bewusst darin eingreifen musst.

Ich war der besoffene Bär, der auf das Küchenfenster zu stolperte. Um mich geschahen Dinge, die mich als einen Spielball auf Wellen tanzen liessen. Meine Überlegung galt den Troopern. Am Küchenfenster angekommen, versuchte ich mir einen Überblick zu verschaffen.

Praktisch gesehen war ich vogelfrei. Und das gefiel mir überhaupt nicht. Es lief alles verkehrt und wir gerieten zunehmend in eine Situation, die wir nicht steuern konnten.

Tatsächlich befand ich mich zu diesem Zeitpunkt in meiner eigenen Kapsel. Komplett abgeschnitten von den Anderen, die ich nicht mehr verstand. Ich hatte keine Ahnung, ob ich jemals wieder nach Nova Orleans zurückkommen würde.

Vollkommen unmöglich, dass die Dinge noch schlechter stehen konnte. Der Sog, der auf uns einwirkte, war spürbar. Aber nicht zu unterbrechen.

Der Sturm hatte die Fenster mit einem schmierigen Film aus aufgeworfener Erde und Blätter bedeckt. Das machte es schwer hinter ihren Scheiben etwas zu erkennen. Ich sah in die Küche. Aber von hier aus, war ich es, der in einer schlechten Position sass.
So hell wie es hier war, wäre ich gerade mal das Kanonenfutter. Und könnte damit Karls Leben retten. Er war mittlerweile in das Haus eingedrungen. Ich unterliess den Versuch etwas zu sagen. Ich hatte schon Probleme beim Atmen. Und alles um mich herum war einfach nur ein schlecht justiertes Bild. Ich spähte und spähte und sah nichts. Wie ein Maulwurf bei Tageslicht. Wir waren praktisch blind. Aber verdammt gut sichtbar.

Die Waffe war ungleich schwerer als zuvor. Ich wischte mit meinem Ärmel an der Scheibe und beobachtete das Innere. Duckte mich darunter. Rieb meinen Rücken an der Hauswand, bis ich zum nächsten Fenster gelangte. Zog mich hoch, schaute wieder durch das Fenster. Sah Karls Rücken. Er war in die Knie gegangen. Stützte sich mit einer Hand auf den Boden. Bewegte die andere am ausgestreckten Arm durch den Raum.

Ich fand Karls Vorgehen mutig. Und irgendwie typisch für jemanden, der sich als menschliche Ramme verstand. Der beängstigende Teil daran war, dass Karl mein Anker war. Der verlässliche Part in meinem Leben. Ich selbst war mir eher ein Rätsel.
Ich hielt die Waffe genau auf Karls Rücken gerichtet. Fiel er, dann würde ich schiessen. Egal auf was. Sein Rücken war der einzige Fleck, der mir die Sicht versperrte. Alles vor ihm war das große Unbekannte.

Paulana knallte neben mir gegen die Hauswand. Ich drehte mich erschrocken zu ihm hin, hielt den Finger an die Lippen und riss meine Augen auf. Er dagegen tippte sich gegen die Stirn.
Ich befürchtete niemand würde sich um John kümmern, aber als ich für einen Moment den Blick auf Sonya richtete, sah ich sie in den Keller runtersteigen. Das war wie Ordnung im Chaos.
Ich atmete durch und konzentrierte mich wieder auf Karl. Er bewegte sich in das Wohnzimmer. Paulana wollte ihm sofort folgen. Meine Hand krallte sich schnell in sein Nackenfell. Ich hielt ihn fest, zog ihn zurück. Er wehrte sich, aber viel zu langsam um damit Erfolg zu haben. Bleckte die Zähne und versuchte meine Hand abzuschütteln. Ich hielt ihn weiter hin fest. Die Welt war tonlos und ruhig. Viel zu still, um mir Angst zu machen. Er sah aus, als würde er beißen. War mir egal.

Wie eine Katze zwang ich ihn zurück in eine geduckte Position. Drückte ihn tiefer, liess ihn los und schlug ihm noch schnell in den Nacken. Er verharrte.

Das Licht über uns veränderte sich. Ein großer Schatten schob sich vor die Sonne und ein leichter Wirbel zeichnete feine Spuren in Paulanas Fell.

New Louisiana hat kaum Erhebungen. Keine Gebirgskette, nur Hügel, und ein paar weit verstreute Pickel auf seinem Antlitz, die man als Berge durchgehen lassen konnten. Es gab nichts, was den Wind oder den Regen bremste. Wetterprognosen waren sehr kurios, denn sie galten nur für einen sehr kurzen, überschaubaren Zeitraum. Es gab schlagartige Wetteränderungen, die jeden überraschen konnten. Mir war das Wetter nicht so wichtig. Stürme sind Stürme. Kam ein Sturm, dann sprach sich das bei den Menschen ähnlich rum, wie bei den Papageien. Einem Sturm gehen Boten und Rituale voraus.
Die komplette Tierwelt von New Louisiana bereitete sich auf einen Sturm vor. Vögel veränderten ihr Verhalten, Kängurus verkrochen sich, und Alligatoren tauchten ab. Die Affen suchten unsere Nähe.
Wir wurden in einem kurzen Rhythmus verdunkelt und wieder aufgehellt. Früher kannte ich solche Schattenwanderungen nur aus Filmen, die die Zeit komprimierten. Hier jedoch vermittelten sie einen guten Eindruck von den Wetterverhältnissen, die sich gerade wieder dramatisch veränderten.

Es sah nicht nach Sturm aus. Sturm ist ein Phänomen, das seltener kommt und häufiger erwähnt wird. Aber es war kein Sturm. Dennoch kündigte sich Regen an. Ankündigen hieß nicht, dass es heute irgendwann regnete. Ankündigen hieß, dass wir drauf und dran waren im Matsch zu ertrinken. Selbst wenn uns dazu noch gut zwei Meter fehlten.

Und es war natürlich nicht so, dass es den Troopern besser als uns ergehen sollte. Aber ihre Strategie würde der unseren gleichen. Sie mussten zurück in dieses Haus.

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