Anfang 63. von 300 (Teil 6-10)

(Für Neueinsteiger:  Dieses ist natürlich ein viel zu langer Artikel, doch ich mache jetzt hier  einen Schnitt, um diesen Anfang nicht zu überstrapazieren. Alle die es bisher hierher geschafft haben, bekommen nun zwei Möglichkeiten die Geschichte weiter zu verfolgen.

Wer aktuell so schnell wie möglich alle Teile mitlesen will – sie sind in meinem Blog zu finden: Jazznrhythm.com. Dort wird die Geschichte weitergeführt. Es geht auf dieser Seite natürlich noch um viele andere Dinge, aber die Geschichte um Misa hat in Zukunft ein Cover und ist daher schnell zu finden.

Wer es lieber etwas langsamer angehen will, dem sei Wattpad angeboten. Dort findet sich die Erzählung ebenfalls. 

BTW:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Und: Ich freue mich über Emails, Kommentare, Ideen und Vorschläge.

Merci fürs Mitlesen.)

Ich hatte mir ein chaotisches Muster ins Gesicht geschnitten. Das sah nicht unbedingt besser aus als der Bart, erweckte aber durchaus ein zivilisatorisches Vertrauen.

Die Tür neben meinem Bett war noch immer verschlossen und ich wagte es nicht sie zu öffnen. Die Räume hier hatten Eigenschaften, die mir nicht behagten. Die Dimensionen waren uneinheitlich, nicht erklärbar und nicht zu erfassen mit meinen Verständnis von Raum und Zeit. Frisch rasiert, und das obwohl es aussah wie ein Gemetzel, zog ich meine Uniform aus und suchte mir aus der Schublade eine Hose, ein paar Strümpfe, ein Hemd mit nicht allzu vielen Rüschen und begann mich anzukleiden. Mein Haupthaar liess ich unbeschnitten, wohlwissend, dass diese Art der Kleidung lange Haare voraussetzte. Ich wusch es ausgiebig mit der Seife, entfernte einige Verfilzungen und hatte danach etwas, was ich nicht Frisur nennen wollte, aber mir passend schien.

Ich sah aus wie der verstoßenes Sohn an den Hof des Sonnenkönigs. Eine gewisse Wildheit wurde ich damit nicht los. In meinen Augen glimmte ein böser Wahnsinn, der selbst mir auffiel. Das konnte nicht gut enden.

Ich roch parfümiert, hatte saubere Kleidung an und das Bett wirkte frisch und bequem. Es war nicht das Leben, das ich mir wünschte, aber gewissen Annehmlichkeiten waren der Situation nicht abzusprechen.

Ich hatte Hunger. Mein Magen fühlte sich leer an, meine Muskeln schmerzt immer wieder, und das Gefühl eines Mangels liess mich in den letzten Minuten oftmals in einer melancholischen Stimmung verharren.

Ich öffnete kurzentschlossen die Tür neben dem Bett. Denn wenn ich einer Speise näher kommen wollte, musste ich dieses Zimmer verlassen, andere Räume betreten oder einfach nur wissen, was sich hinter dieser Tür verbarg.

Geblendet durch die Sonne wich ich wieder zurück. Vor mir erstreckte sich ein Park, in dem verschiedene Wesen, die mir alle bekannt vorkamen, ihren Zeitvertreib nach gingen. Sie spielten Karten, Cricket, Frisbee und Boule. Sie hielten nicht innen, wandten mir aber interessiert den Blick zu. Einige nickten und winkten mir, ganz so als wären wir vertraut und bekannt.

Es waren offensichtlich Zwerge, Orks, Elfen und eine Herde Zentauren, die sich wohl sinnlos betrunken hatten. Wenn man ihren Taumel über das Grün deuten wollte.  Inmitten einiger Weinflaschen gaben sie sich ungestüm ihrem Rausch hin.

„Was zum Teufel?“ entfuhr es mir.

Und ich schmiß die Tür wieder zu. War die Existenz von Abraham Lincoln schon eine Irrwitz, so war ich nun sicher, dass ich mich in einen komatösen Drogenzustand befand. Irgendein beneidenswert gutes Zeug war mir verabreicht worden. Stoff von einer Güte, wie er mir nie zuvor begegnet war.

Ich setze mich auf das Bett, befühlte mein brennendes Kinn und versuchte eine Art klaren Gedanken zu fassen. Die Schuhe waren so, unbequem wie sie aussahen. Ich kam mir vor wie eine Anziehpuppe. Ein Spielzeug mit dem jemand seine Scherze trieb. Nehmen wir an, dachte ich, das hier ist ein Traum, dann wäre alles was ich hier tun könnte, vollkommen irreal. Ich sprang auf, schnappte mir das Rasiermesser und riß die Tür auf. Ich wollte einen dieser verdammten Zwerg aufschlitzten.

Misa lachte an dieser Stelle.

Sie mochte jede Art von Metzelei.

Es machte sie ganz hibbelig.

Es war eine englische Parklandschaft. Ein Rasen, als wäre er mit der Nagelschere zurecht getrimmt , und Büsche, wie sie nur begnadete Gärtner schneiden konnten. Figuren aus jeder Mythologie säumten meinen Weg. Ich eilte mit großen Schritten voran, das Rasiermesser fest in meiner rechten Faust. Ich wich einem spielwütigen Ork und umrundete einen dumpfen Troll, der mich geradezu debil angrinste. Ich verspürte eine tiefe Abneigung, und eine große Lust auf ein Massaker. Klitzekleine Elfen umschwirrten mich als wäre ich das Licht, und sie die Motten. Sie verstreuten einen nervtötenden Glitzerstaub und ich versuchte sie mit der linken Hand loszuwerden, so wie ich das im Allgemeinen mit jeglichem fliegenden Getier tat, das mich nervte. Es versprach lustig zu werden. Mit meinem zerschnittenen Gesicht sah ich wahrscheinlich aggressiv genug aus, doch ich hatte mir meinen Zwerg schon ausgesucht. Ich wiederhole: Ich hatte ihn mir schon ausgesucht.

Diesen bärtigen kleinen Weihnachtsmann, der mich erwartungsvoll ansah, als er bemerkte wie ich auf ihn zustürmte. Er war das Bild eines gütigen Großvaters. Dunkle Augen strahlten unter seiner weißen Brauen hervor, und seine Mütze war mindestens so groß wie er und strebte dem wolkenlosen Himmel entgegen. Wie ein würdevoller Oberzwerg verschränkte er die Hände hinter seinem Rücken, drückte den Bauch heraus, der bedeckt von einem faltenfreien Hemd in der gefüllten Mitte von einem groben Seil zusammengehalten wurde.

Er sah nach fleißiger Arbeit, sauberer Moral und vorbildhaftem Lebenslauf aus. Es war wahrlich kein Wunder, das ich ihn ausgesucht hatte. Neben ihm lag eine Proviantbüchse, eine obligatorische Pfeife, in der der Tabak noch glühte und eine umgekippte Flasche Wein. Seine Nase hatte einen leicht rötlichen und glänzenden Teint, wie man es öfters bei Alkoholikern sah, und auch das Weiß seiner Augen hatte etwas gelbe Farbe angenommen. Näher betrachtet war er alles andere als ein gütiger Opa. Zu gut gelebt, zu viel gesoffen, reif für alles, was nun kommen sollte.

Neben ihm sprangen einige minderjährige Elfen herum, als hätten sie nichts besseres zu tun, und die Zentauren lagen bereits auf dem Rücken und strampelten mit ihren Füßen in der Luft. Das ganze Treiben sollte ausgelassen wirken, hatte aber etwas geradezu zwanghaft wollüstiges an sich. Und keiner von diesen Burschen sprach auch nur ein vernünftiges Wort. Sie grunzten, schnaubten, gurrten wie Tauben und Funkgeräte, aber waren wohl nicht in der Lage sich einer verständlichen menschlichen Sprache zu bedienen.

Der Bart des Zwerges erstreckte sich bis runter zu seinem Hosenbund, und war von dem reinsten Weiß, das man sich vorstellen konnte. Ich packte ihn daran, zog ihn zu mir her, zischte bösartiges Zeug und hieb ihm das Rasiermesser in den Wanst. Seine Augen weiteten sich, sein Mund öffnete sich, seine Zunge schlackerte herum, aber er brachte keinen Ton heraus. Seine Augen traten immer weiter aus seinem Gesicht heraus als hätten sie ein Eigenleben. Bis sie zu Kugeln wurden, und plötzlich heraus ploppten. Sie fielen zu Boden.  Dort lagen sie, drehten sich verwirrt im Kreis und rollten davon wie kleine Murmeln. In einer Geschwindigkeit als hätten sie ein Ziel. Sein Körper erschlaffte mit einem lauten Zischen. Ich wagte nicht auf mich herab zu sehen, glaubte ich doch in einem Blutbad zu stehen. Ich fühlte mich wie ein Schlachter. Ich mußte folglich aussehen wie einer.

Die Elfen, die eben noch singend und tanzend um mich herum gehüpft waren, blickten mich entsetzt an und öffneten ihre schönen Münder, um mir ihre  weißen, spitzen Zähnchen zu zeigen.

Sie wirkten wie kleine Mädchen mit Insektenflügeln, aber in ihrem Mund verbargen sich scharfe, freistehende Zähne, die dringend einer Korrektur bedurften. Ich wirbelte herum, das kleine Rasiermesser immer noch in der Hand und machte damit hektische Bewegungen in alle Richtungen. Nur um sie auf Abstand zu halten. Der Zwerg war eine zusammen gesackte Hülle, die noch kleine Blasen in sich behielt, aber ansonsten war die Luft raus. Keine Spur von Blut, Fleisch, Gedärmen oder etwas anderem, was ich erwartet hatte. Ich starrte ihn ungläubig an. Das war definitiv nicht mein Traum.

Ich brüllte, ich stampfte mit dem Fuß auf, ich senkte meinen Kopf und stürmte aus dem Kreis, der sich um mich bildete. Die Elfen stoben zur Seite, selbst ein Troll flüchtet vor mir, und die Zentauren bildeten eine Gruppe wie eine Horde Büffel, um sich zu verteidigen. Die Wege waren kunstvoll mit verschiedenfarbigen Schotter bedeckt, in kleinen Teichen schwammen Kois und ziemlich gelangweilte Goldfische. Ich rannte vorbei. Die Steinchen stoben unter meinen Füßen zur Seite, regneten auf die Seerosenblätter, verfingen sich in diesen unmöglichen Schuhen und spritzten nach allen Seiten. Ich rannte einfach weiter, sprang über Hecken und Büsche, und überall sah ich sie wieder, die Zwerge, die Orks, die  Trolle und  die Elfen. Sie lagerten, saßen, picknickten, machten seltsame Dinge, spielten ihre Spiele, sprangen nackt in einen der Seen, von denen ich schon drei umrundet hatte, und mindestens dreimal sah mir der Oberzwerg an verschiedenen Orten hinterher. Dieser aufgeblasene Wicht.

Der Park selbst schien sich zu verändern, doch das Szenario blieb gleich. Immer wieder sah ich Grüppchen der Zentauren. Ich glaubte einzelne zu erkennen. Und wohin ich rannte, dort waren auch sie. Ich schlug Haken wie ein Hase, hetzte mal in die eine und mal in die andere Richtung, stürmte durch Rosengärten und an Gewächshäuser vorbei, aber die trinkenden Zentauren waren schon vor mir da. Sie prosteten sich zu, warfen die Köpfe in den Nacken und galoppierten auch mal neben mir her. Geradeso als sei es der größte Spaß ein Wettrennen mit mir zu veranstalten. Ihr Lachen war gehetztes Meckern, aber mit ihren strahlenden Augen war erkennbar, dass ihr anfängliche Angst gewichen war. Und kaum erblickte ich eine identische Gruppe vor mir, verschwanden meine Begleiter, und die neue Gruppe übernahm eine Funktion.

Meine Schuhe waren eine Erfindung durchtriebener Foltermeister. Die Steinchen rieben an meiner Ferse, und es war spürbar, dass ich nicht mehr lang durchhalten würde. Das Hemd klebte bereits an meinem Oberkörper, meine Lunge fühlte sich an, als würden Krallen durch sie jagen und mein Herz schlug wie verrückt. Ich hatte mich seit langer Zeit kaum noch so ausdauernd bewegt, und Rennen gehörte noch nie zu den Sportarten, in denen ich merkliches geleistet habe. Ich musste langsamer werden, ich hatte komplett die Orientierung verloren. Nachdem ich mehrmals die Richtung gewechselt hatte, konnte ich nicht mehr feststellen, aus welcher ich ursprünglich kam. Das Bild hatte sich kaum geändert. Zwar war der Bewuchs ein anderer, denn nun stand ich inmitten kunstvoll angerichteter Farne, die in den verschiedensten Farben ein gigantisches Wappen darstellten, während sich darüber eine kleine Gruppe Bäume filigran in einer schwachen Brise bewegten, aber Häuser, Schlösser und kleine Pavillons, die ich immer wieder in der Ferne erblickte, waren unerreichbar.

Ich näherte mich ihnen nicht, sondern sie verschwanden einfach hinter flachen Erhebungen, die ich im Lauf überqueren wollte. Sah ich ein Gebäude, so musste ich auf dem Weg dahin, einen Hügel erklimmen. Zumeist kleine Anhöhen, mit Gras oder einer niedrigen Vegetation bedeckt. Rannte ich die Anhöhe hinauf, erreichte dann ihren höchsten Punkt, so war mein Ziel, das mögliche Gebäude verschwunden, als wäre es nur eine optische Täuschung gewesen. Ich traute meine Augen nicht, und wiederholte den Versuch mehrmals. Ich sah eine Villa, rannte auf sie zu, verlor sie durch den kleinen Berg, auf den ich hoch sprintete, kurz aus den Augen, den er verstellte mir die Sicht, kam dann oben an und die Villa war weg.

Dort, wo sie zuvor gewesen war, erstreckte sich nun wiederum der Park bis zu einem vermeintlichen Horizont. Und vermutlich, davon ging ich aus, war dahinter wieder nur Park, und egal wohin ich mich wenden konnte, war nur Park. Mit denselben Bewohnern, überall, die ihrem Müßiggang frönten. Zentauren, die taumelten, als hätten sie ihr Gehirn in Wein gebadet, Zwerge, die mich angrinsten und mir winkten, und Elfen verschiedener Größen, die einfach sinnlos herumflogen. Nur die Orks und Trolle waren andauernd am Spielen.  Selbst federballspielende Orks waren zu erkennen. Die Trolle humpelten der Frisbeescheibe hinterher, oder versuchten sich in anderen Sportarten.

Es war vollkommen sinnlos, egal in welche Richtung ich lief. Zwar änderte sich der Park an sich durchaus, und offenbarte immer neue Meisterleistungen der Gartenkunst, so wechselten z.b. die geschnitten Büsche ihre Thematik, aber wie in einem Hamsterrad gab es kein Ende, nur wechselnde Bilder. Statt mythologische Figuren, waren die Büsche nun nach Comicfiguren geformt. All die bekannten Wesen, die die Zeitungsstrips bevölkerten, waren nun das Vorbild für die herausragende, bildhauerische Arbeit der Gärtner. Doch ich konnte keinen von ihnen entdecken. Hier waren keine Gärtner. Ich hatte nicht einen einzigen erblickt. Man sollte doch davon ausgehen, dass es hier mindesten einen Gärtner gab. Oder Gehilfen, oder Roboter. Nichts, nur die Zwerge, die wieder unweit von mir standen, sich an ihren Pfeifen hielten und mir grinsende zunickten.

Nun gut, dachte ich, dann wollen wir mal.

Ich ging auf das nächste Grüppchen dieser kleinen Wesen zu. Ihr Mützen waren verschiedenfarbig. Während der Oberzwerg immer noch aussah, wie der wichtigste aller Windbeutel, mit seinem spitzen steifen Hut, trugen die Anderen, sieben an der Zahl, auch Mützen, die ihnen eher schlaf vom Kopf hingen. Gemeinsam war ihnen, dass sie irgendwo eine Pfeife hatten. Entweder gerade im Mund, oder neben sich oder in der Hand, wo sie einfach so verharrte und nicht zum Mund geführt wurde. Sie beobachteten mich mit aufmerksamen Augen. Ich spürte förmlich, wie sie meine Schritte auf sie zu, verfolgten. Wahrscheinlich waren sie gewarnt. Der Zwergenschlitzer kam.

Bei ihrer Gruppe angekommen, schnappte ich mir eine der Pfeifen, die auf dem Boden lagen, und still vor sich hin kokelten,  nahm sie an mich und entfernte mich schnellen Schrittes wieder. Ich hörte etwas, was ich als Protest deuten konnte, aber achtete nicht weiter darauf. Gezielt ging ich auf die Rosenbeete zu. Ich hatte nie verstanden, warum man zu Füßen der Rosen Stroh auslegte. War wohl ein geheimer Tipp der Gärtner. Egal. Ich sah mir das Stroh an, beugte mich herunter, prüfte die Erde und nahm einen Halm, hielt ihn in die Pfeife, lies ihn glimmend zu Boden fallen. Nahm den zweiten, tat dasselbe, liess ihn glimmend zu Boden fallen. Dritten. Pfeife. Glimmen. Boden. Vierten. Fünften.

Hinter mir zischte es ein bisschen, aber das Glimmen verbreitete sich, ich blies noch mal in die Glut und eine kleine Flamme fraß sich über den Boden des Rosenbeetes. Dann eine zweite. Sie tanzten beide umeinander herum, sprühten einige Funken, fraßen sich zur Seite, züngelten an den Rosen hoch  und kletterten wild zischelnd dem Stamm entlang. Die Blätter rollten sich ein, die Blüten sackten in sich zusammen und der Rauch eilte gen Himmel.

„Das bringt doch nichts.“

Ich sprang herum, und sah in ein Gesicht, das irgendwann mal einen Bären geküsst haben musste. Die Nase war schief, Narben zogen sich über eine Glatze, die Haare wuchsen ungebändigt an den Seiten, und der Bart trug alle Farben, die Salz und Sonne zuliessen.

„Du kannst hier alles verbrennen, so oft und so lange du willst.“ sprach er weiter, und deutete bei diesen Worten auf seinen Bauch. „Du hast Hunger, oder? “

Er wartete.

Ich blickte ihn stumm an. Das Rasiermesser war immer noch in meiner Hand. Wog fast nichts. Ich war bereit zu zustechen. Zu schlitzen. Ich war auf alles gefasst.

„Verstehst du mich? Ich-habe-auch-Hunger.Wollen-wir-etwas-essen?“

Er rührte mit einer Hand über seinen Bauch, machte Kaubewegungen und deutete auf etwas in der Ferne, das außerhalb unseres Sichtfeldes lag. Er deutete mehrmals darauf, wurde etwas hektischer, bis ich schließlich das Messer sinken ließ.

„Ok!“

Er war ein stattlicher, stämmiger Mann, sein Gang deutete auf eine unbekümmerte Robustheit, die ihn sowohl durch die Wildnis der Natur, wie auch der Menschen tragen könnte. Nichts an ihm deutete auf eine Luftfüllung hin. Seine Stimmlage verriet etwas hinterwäldlerisches, wie es Menschen in den Bergen pflegten, die sich nur mit ihresgleichen beschäftigen.

„Bald John Peacock“ brummte er.

„Pardon?“

„Bald John Peacock. Das ist mein Name. Falls du dich das gefragt haben solltest.“

„Deine Eltern nannten dich Bald? Warum, um Himmels willen, nennen Eltern ihr Kind Bald?“

Er dreht sich um. Sah mich irritiert an. „Was für ein gottverdammter Grünschnabel bist du denn? Meine Eltern nannten mich John. Natürlich nannten sie mich John. Warum sollten sie mich Bald nennen? Verdammt!“

Er stapfte weiter.

„Ich heiße Martin. Christopher Martin. Also, Christopher mit Vornamen.“

„Ich weiß. “ Er winkte ab. „Ich weiß alles. Du bist Vorkoster. Das ist ja lächerlich. So wie du aussiehst gab es schon lange nichts mehr zum vorkosten, was? Wer braucht den einen Vorkoster?“

„Das ist eine wichtige Aufgabe!“

„Für wen? Für einen erwachsenen Mann? Ich denke, ihr habt Maschinen für so etwas.“ Er lachte das Lachen einer Hyäne. Als gackerte er den Himmel an, und beendete es mit einem langzogenen  „Yahooo!“

„Du musst das verstehen, junger Freund. Zu meiner Zeit hat man die alles mal probiert, und es vielleicht überlebt. Dann war es essbar. Manchmal wurde einem etwas wirr im Kopf, aber das verging und gehörte nicht zu den schlechtesten Dingen dieser Welt..“

„Wann war ihre Zeit?“

„Keine Ahnung. Wir haben uns nicht sehr darum geschert. Ich habe keine Zeitung gelesen. Oder sowas. Ich war ein verdammter Trapper.“ Er überlegte. „Es muss 1820 gewesen sein. Früher oder später. Es war ein verdammter Winter. Blizzards fegten über die Berge. Ich war sichtbar wie ein Blutfleck auf einer Bettdecke. Man konnte mich schon von weitem sehen. Die Wölfe hatten mich eingekreist. Es war ein wildes Geheul. Ich mitten im Schnee. Tja, und da hatten sich mich geholt. Seitdem habe ich diesen Fummel an und muss mich mit diesen tumben Gesellen abgeben“. Er deutete auf die Zwerge und Trolle. „Am Anfang hatte ich jedem, der mir über den Weg lief, den Kopf abgeschlagen. Aber das kannst du jahrelang machen, es werden immer mehr. Es ist eine kleinwüchsige Armee. Hüte dich vor den Elfen. Die sind die Pest. Kleine, bissige Gören. Verdammte Mistviecher. Möchte nur mal wissen, wer auf die Idee mit den Zähnen kam. Das passt doch gar nicht!“

Ich hatte Mühe mit ihm Schritt zu halten. Ich war ausgepumpt, fühlte mich matt, und zweifelte immer noch daran, dass ich das richtige tat. Ein Trapper, also ein Mensch, der 1820 aus den Rocky Mountains entführt wurde?

Er schien einen Weg zu kennen, der in einem schlängelnden Pfad um alte Bäume, hohe Büsche und über wirre Wurzeln führte.

„Sie sind ein Mensch?“

„Ja, was zum Teufel, soll ich sonst sein? Ein Bär?“

„Ich dachte nur.“

„Sehe ich aus wie ein Bär?  Verdammt! Ich sehe, verdammt noch mal, nicht aus wie ein Bär! Natürlich bin ich ein Mensch.“

„Ich glaube, ich habe Abraham Lincoln getroffen.“

„Ah, verstehe. Ja, ich habe auch schon Daniel Boone getroffen, Buffalo Bill ebenso und selbst Jesse James ist mir schon vor der Nase rumgetanzt. Ich habe ihn geköpft. Ich habe mir geschworen, dass ich solche Typen nicht in meine Nähe lasse. Aber lasse dir gesagt sein, die kommen immer wieder. Die kommen immer wieder.“

„Warum sprechen sie meine Sprache?“

Er drehte sich auf dem Absatz um, starrte mich an und seine Augen verengten sich. „Verdammt, reiß dich zusammen. Sie haben mich aus den verdammten Bergen geholt. Mit diesem Drecksteil von einem Metallding. Flach wie eine Scheibe. Warum sollte ich nicht deine verdammte Sprache sprechen? Was denkst du, mit wem du es hier zu tun hast. Du musst meinen Namen schon gehört haben. Ich bin Bald John Peacock. Was gibt es daran nicht zu verstehen?“

Wir erreichten, nach einem Weg, der keiner klaren Linie folgen sollte, eine Hütte. Aus rohem Holz gezimmert, mit Erde, Stroh und etwas, das aussah wie Wolfskot dazwischen, stand sie auf einer Lichtung inmitten von alten, knorrigen Bäumen. Davor eine Bank, eine Feuerstelle, und einige Pflanzen, die wohl eher zum Rauchen gedacht waren. Er öffnete die Tür, die ohne Schloss auskam und führte mich in seine Stube. Auch hier fand sich eine Feuerstelle in der Mitte des Raums. Darüber ein roher Abzug, der aus Gips oder Ton gefertigt war, darunter stand ein dampfender Topf, der langsam vor sich hin köchelte, und das ganze Haus mit einem würzigen Geruch erfüllte. Er hängte seine lederne Jacke an einen Nagel, der wahrscheinlich ansonsten für Eisenbahnschwellen genutzt wurde, und sich eben nun in der richtigen Höhe für seine Kleidung befand. Ich sah keine Küche, aber einige primitive Möbel, die alles zu enthalten schienen, was er wohl so benötigte. Töpfe,Teller, Tassen; es wirkte als sei alles da. Nichts schien zu fehlen. Ich sah mich um, vor den Fenstern standen diverse Gegenstände, von denen manche eine Funktion hatten, aber andere sollten wahrscheinlich nur den Einblick verhindern. Einige Krüge, die nicht ganz dicht schienen, Strohgestecke, die sinnlos drapiert waren und keiner Ästhetik folgten, sowie kleine Bücherstapel mit der unlesbaren Schrift, die mir ebenfalls schon begegnet war.

„Keine Sorge, das verdammte Zeug ist nicht zum Lesen da, aber es eignet sich hervorragend zum Feuer machen. Ich finde sie überall. Ich habe keinen Schimmer, warum sie das machen. Sie denken wohl dieses verdammte Zeug würde mir irgendwas bedeuten, aber so habe ich immer einen Vorrat an Papier.  Manchmal muss man auch auf die Toilette. Zu irgendwas taugt es auf jeden Fall.“

Ich nickte.  Er deutete auf den Topf.

„Bohnen mit Speck“ Es klang nicht begeistert. “ Es ist genug da. Ich esse das seit Jahren, gibt nichts anderes, aber das wiederum satt. Mein Magen ist mit dem Zeug um das doppelte gewachsen. Ich fühle mich wie diese verdammten Luftzwerge. Kann man nichts machen. Tausende von Blumen, die meisten echt, aber sonst nur ungenießbares Zeug.“

Er griff sich eine Schüssel, einen steinernen Löffel, füllte die Schüssel und reichte sie mir.

Ich umgriff sie mit beiden Händen, zog den Geruch ein. „Riecht gut!“

„Jaja, „nickte er „, klar, beim ersten mal. Riecht es verdammt gut. Aber mittlerweile hängt mir das Zeug in den Kleidern, in meinen Haaren, ich furze es und schlafe damit ein. Dieser verdammte Topf füllt sich immer von alleine. Ich bekomme ihn nicht leer, die Glut nicht aus und wenn ich was geraucht habe, könnte ich den Kram fressen bis ich, verdammt noch mal, umfalle. In tödlichen Dosen. Das macht mich noch fertig.“

Mit der Schüssel in der Hand trat ich vor die Tür und sah in die Sonne. Ein kleines Wäldchen erstreckte sich vor mir,  das ruhig verharrte, da sich kein Wind regte. Er trat neben mich, hob ein welkes Marihuana-Blatt nach oben, hielt es mir vor die Nase  und wartete bis ich den Geruch einsog.

„Verdammt guter Stoff!“ Er bedeutete mir noch mal zu schnüffeln. „Verdammt guter Stoff. Das, was man hier braucht. Sie verstehen schon, wie es geht. Sie haben es eigentlich wirklich drauf. Aber im Detail, im verdammten Detail…“ Er liess das Blatt fallen und es stürzte wie ein Stein zu Boden. „…im verdammten Detail pfuschen sie einfach. Blödes Pack. Solche Fehler macht man nicht.“

Als er wieder reingehen wollte, hielt ich ihn zurück.

„Was bedeutet das?“

„Das bedeutet, mein lieber Christopher, das hier nichts stimmt. Du musst das Zeug kontinuierlich konsumieren, um nicht ganz neben der Spur zu laufen.  Ohne das verdammte Grass wäre ich schon lange vollkommen durchgeknallt. Aber du wirst alles erfahren. Alles. Warte es ab.““

Bald John Peacock war Trapper. So um 1820, als die Welt noch ganz anders und scheinbar in Ordnung war, verbrachte er seine Tage mit dem, was Trapper eben so machen. Er stellte Fallen, stapfte in den Bergen rum, mied menschliche Ansiedlungen und tötete Tiere, wo immer er sie antraf. Seinen Frühling genoss er, nach dem Verkauf der Felle, in Freudenhäuser, hielt alle Nutten aus, denen er habhaft werden konnten, und die ihn ertrugen, bis er den Sommer bei irgendwelchen Indianer verbringen konnten, die sich seiner erbarmten. Im Winter mordete er jeden Iltis, jeden Bären und jeden Fuchs, der ihm begegnete. Das Winterfell war kostbar. Das ging lange Zeit recht gut. Er kam in Gegenden, in denen sich keine Menschen rumtrieben,  war meistens alleine, und eigentlich mit dem Leben zufrieden. Viel hatte er nicht erwartet. Viel musste es nicht. Sein. Alles war okay, es ging zwar nicht voran, aber es bescherte ihm ein Auskommen und eine Möglichkeit das Jahr rum zu bringen.

Die Dinge hatten ihre Ordnung, und selbst wenn er zappelnd unter einer Lawine lag, und sich danach tropfnass, halb erfroren und verschwitzt wieder zurück in seine Behausung schleppte. Alles war gut. Es gab niemanden, dem er Rechenschaft ablegen musste. Und wenn er einen Finger in irgendwelche Körperöffnungen stecken wollte, dann tat er das einfach. Und wenn er im Sommer nackt drei Tage durch den Wald laufen wollte, dann tat er das auch. Die Indianer schüttelten den Kopf, aber liessen ihn am Leben. Er galt als harmlos. Das war zwar kein Prädikat, das er sich selbst geben wollte, aber so lange die Dinge so liefen, wie sie eben liefen, ertrug er das. Seine Waffen trug er immer bei sich. Schwere, eiserne Teile, die ihm die Sicherheit gaben aus jeder verdammten Situation wieder heraus zu kommen. Er trug den Gürtel tief, und wenn er die Hände baumeln liess, dann hatte er sie sofort im Griff. Er mochte keine Spielchen. Wenn es ums schießen ging, dann schoß er zuerst. Das klärte alles recht schnell. Und mit einem Fußtritt kickte er die Leichen den Abhang runter, ging seines Weges, und im Frühling, wenn die Schneeschmelze alles mit sich riß, dann verschwanden die Leichen, waren ein Festessen für die Wölfe oder fanden sich einfach hundert Meilen weiter.  Sachen passieren.

Misa grinste, strich mir über meinen Arm, und ich spürte, wie sich meine Haare aufstellten.

Eines Tages, als der Schnee dichter fiel als sonst, und die Hand vor den Augen schon vereist war, bevor man sie noch höher heben konnte, trieb der Wind ein übles Spiel mit Bald John Peacock. Die Wölfe kreisten ruhelos durch die Wälder, doch wagten nicht ihm näher zu kommen. John war nicht wehrlos, auch wenn sein Gang durch den Schnee gebückt war und sein Atem schneller ging. Die weiße Masse reichte ihm bis zu den Hüften, und ein Ende des Winters war nicht abzusehen sehen. Die kleineren Tiere hatten sich in ihre Höhlen verkrochen, die Menschen ihre Hütten abgeschlossen. Es war für kein Lebewesen ratsam in dieser weißen Hölle zu verbleiben.

Die Kälte klammerte sich an sein Herz, die Finger dagegen um seine Waffe. Er stützte sich auf sie, stocherte damit im Schnee, zog sich voran und nutzte sie als Krücke. Er schleppte sich nach Kräften durch den Wald, und jeder Gedanke war nur noch auf das Ziel geheftet. Seine Augen suchten nach irgendeinem Leben, einem Punkt in der Wildnis, der all das nicht sinnlos machte.

Es war nicht der erste Blizzard, den Bald John Peacock in den Bergen erlebte. Und er kannte die Gefahren. Die Tannen, die sich im Sturm wogen, die Schneelast, die sie zur Erde drückten, und die Lawinen, die losgelöst durch das Gewicht alles mit sich rissen. Bald John Peacock lauschte in die Ferne auf das Stöhnen des Holzes, das Ächzen in den Ästen und das kreischende Brechen der jungen Stämme, die einfach nachgaben und andere mit hinabzogen. Er war nur ein Punkt in diesem ganzen Spiel. Aber genau dieser Punkt wurde beobachtet.

Er konnte die Einsamkeit lieben, soviel wie er wollte. Wenn sich die ganze Welt gegen ihn stellte, wurde sie ihm bewusster als je zuvor. Es gab nur einen, auf den er sich nun verlassen konnte, und das war er selbst. So kämpfte er sich weiter. Seine Hände gefroren an dem Metall seiner Waffe, seine Hosen versteiften sich vor eisiger Nässe und von seinen Haaren brachen die Zapfen ab. Er kannte das, was kam. Die bleierne Ruhe, die sich über alles legte, die Gedanken, die sich verlangsamten, und dieses schwere Gefühl, das nach einem Moment der Ruhe verlangte. Einfach nur sitzen, während der Schnee sich senkte, einfach nur sitzen. Er zog sich hoch, durfte dem nicht nachgeben, aber je mehr der Wald seine Farbe verlor, umso mehr beschlich ihn das Gefühl, den letzten Blizzard zu erleben.

„Verdammt, John, nicht jetzt!“

Zentimeterweise kämpfte er sich weiter. Schritt um Schritt. Wie hypnotisiert hörte er die Wölfe langsam näher kommen. In der Klarheit der kalten Luft konnte er ihre Wärme riechen. Ihren Atem bereits spüren. Sie kreisten ihn ein, das verendende Wild. Sie jagte in der Gruppe. Beneidenswert, dachte er. Ich werde mich in ihrem warmen Blut suhlen. Verdammt. Dachte er. Und zog sich an einem Ast hoch, hangelte sich weiter, stützte sich auf einen Baumstamm, gelangte in eine Lichtung und stand mitten im Sturm. Die Flocken kamen wie ein Teppich über ihn, aber trotzdem erblickte er die Wölfe, wie sie langsam zu ihm kamen. Er umklammerte sein Gewehr, zielte, drehte sich im Kreis, doch wo er sie eben noch gesehen hatte, da war jetzt keine Wölfe mehr. Sie umrundeten ihn. Er versuchte sich zu konzentrieren. Doch seine Augenlider begannen schwer zu werden, seine Gedanken lahmten und er stak fest. Es ging einfach nicht mehr weiter.

„John, du wirst sterben. Hier und jetzt, du verdammter Halunke. Sie werden nichts mehr von dir finden. Du wirst sterben. Mist. Mist. Mist!“

Er verzerrte das Gesicht, aber jede Regung war ein Schmerz, ein Stechen, seine Haut war wie alte Rinde. Sie gehorchte ihm nicht, sein Gesicht hing an ihm wie ein Fremdkörper, die Muskeln darunter gehörten ihm nicht mehr. Er zog Grimassen, es half nichts.

Seine Worte fielen nicht mehr aus seinem Mund. Sie widerhallten Kopf wie in einer leeren Höhle.

„So ist das also. Verdammte Wölfe. Verdammter Schnee. “ Er zuckte zurück, sah hinauf, legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen, öffnet den Mund, sog Schneeflocken ein und als er plötzlich wieder nach oben blickte, war der Himmel dunkel. Etwas hatte sich vor das Licht geschoben, den Schnee abgehalten und spiegelte ihn wieder, nur ungleich höher, einsam im Schnee. Ein Fleck von anderen Flecken umkreist, die er nun sah, und die langsam näher kamen. Und dann löste er sich auf, verlor dieses Bild und vergaß.

Er wachte in einem fensterlosen Raum auf, der schwach beleuchtet, unbeholfen zittrig flackerte. Aus der umgebenden Dunkelheit heraus wurde ihm eine Schale Bohnen mit Speck gereicht und nur daran konnte er festmachen, wie sich die Zeit fortbewegte. Die Wiederholung ergab ein Muster. Nach seiner Vorstellung war er über einem Monat in diesem Kerker gewesen, aber es können auch zwei Monate gewesen sein, oder weniger. Er wusste es nicht. Die Zeit dehnte sich wie zähes Rauchfleisch und wollte kein Ende nehmen. Sie hatten ihm seine Waffen gelassen, einen ganzen Patronengurt voll und sein Gewehr, doch egal worauf er schoss, ob es die Hand oder die Wand war, nichts zeigte Spuren durch seine Versuche. Alles blieb einfach so, wie es war. Die Rituale blieben gleich.

Er krümmte seinen Rücken, sein Gang wurde gebückt, er roch in allen Ecken, tastete die Wände bis zum Boden ab. Suchte Mechanismen, bewegliche Teile, aber alles ging ungerührt weiter, wie am ersten Tag. Der Schweiß lief ihm hinab, er füllte den Raum mit seinen Gasen an, er atmete hektisch ein und aus. Er stellte sich tot. Er ließ die Schüsseln mehrere Durchgänge unberührt. Er kotete jede Ecke einmal ein. Nichts half. Die Eintönigkeit nahm kein Ende. Er kam nicht raus. Er lauerte der Hand auf, sprang sie an, und knallte gegen eine unsichtbare Wand, stolperte und blieb benommen liegen.

Mehr und mehr kroch ein Tier in ihm hervor, dass ihn lauernd und knurrend in der Ecke sitzen ließ. Er war es gewohnt, seine Entscheidungen alleine zu treffen. Es war nichts ungewöhnliches, die Tage in Einsamkeit zu verbringen, aber er hatte die Natur um sich herum. Doch hier musste er die Natur in sich tragen. So saß er meistens an eine Wand gelehnt, gegenüber der vermeintlichen Öffnung, durch die ihm der Eintopf gereicht wurde und horchte in sich hinein. Er fletschte die Zähne, wenn er die Hand auftauchen sah. Bellte, wenn sie nicht gleich weichen wollte. Und blies durch die Zahnreihen, wenn er bedrohlich wurde und sich langsam von der Wand löste. Seine Schultern hingen herab, sein Bart ließ das Weiß seiner Zähne hervorstechen und seine Augen verengten sich zu Schlitzen, während er seine Nüstern blähte. Er war kurz vor dem Explodieren. Er nahm sich vor, wann immer das geschehen sollte, wie immer es auch erfolgte, dass er den Ersten, der sich ihm näherte, in der Luft zerfetzen wollte. Er malte sich tausend Todesarten aus, die er diesen Wesen bescheren wollte. Egal wie sie aussahen, egal, wie sie bewaffnet waren. Sollte er dabei sterben, dann würde er trotzdem in ihrem Blut baden, und alles was danach kam, das war tausendmal besser, als das, was sie ihm antaten. Er murmelte leise die Möglichkeiten, die er hatte, vor sich her. Er würde ihnen das Gewehr in jede Öffnung bohren, weitere Löcher mit ihm schaffen, sie skalpieren, vierteilen, mit den Fingernägeln einzelne Hautstreifen abziehen, sie in Stücke hacken, den Wölfen zum Fraß vorwerfen, sie bei lebendigem Leib im Wasserfall zerschmettern, sie mit den Füßen in den Tannenwipfeln aufhängen, mit Honig bestreichen und den Bären zum Fraß vorwerfen und , oh, er war noch nicht fertig.

So glichen sich Tag und Nacht. Und er verkroch sich unter seinen Haaren, krümmte sich in eine Ecke, versuchte dem immer gleichen Flackern zu entgehen, diesem nervtötenden Leuchten, das nicht stoppen wollte. Er schlief, wenn ihm die Augen zufielen, bewegte jedes Gelenk, streckte sich, wenn er aufwachte, machte Dehnübungen, wenn er sich unbeobachtete fühlte, und versuchte seine Muskeln zu behalten.

Als sie ihn aus seiner Zelle holten, wirkte er so, als sei aller Widerstand gebrochen. Seine Schultern hingen ihm herab. Er stank wie seine eigenen Ausscheidungen, seine Haare waren verfilzt, sein Körper eingefallen und geschwächt. Sie schleiften ihn fast hinter sich her. Doch nach wie vor lagen ihre Gesichter im Dunkeln, war nicht zu erkennen, wer sich hinter ihnen verbarg, und was der Sinn ihrer Handlungen war. Er gab keinen Laut mehr von sich. Seine Augen blickten stumpf zu Boden, sein Mund war fest verschlossen. Er biss die Zähne aufeinander, sprach kein Wort, knurrte nicht, ja, zischte nicht einmal.

„Hast du einen von ihnen erwischt?“

Er zog an dem Joint, sog den Rauch tief ein, hielt ihn in der Lunge, wartete und stieß ihn hustend wieder aus.

„Nein, keinen. Ich weiß, verdammt noch mal, nicht wer sie waren. Ich war immer wieder weggetreten. Ständig. Ich weiß nicht, was die verdammten Kerle mit mir gemacht haben. Keine Ahnung. Nichts gutes nehme ich an.“

Ein feuchter Film zeigte sich in seinen Augen.

„Ich war nicht immer in diesen verdammten Bergen. Und oft war es die Hölle, aber hier gibt es nicht mal echte Eichhörnchen. Nicht eines. Nur diese Trugbilder. Ich haue mir hier das Hirn weg mit dem Zeug, weil sonst nichts passiert.“

Er setzte sich neben mich, zog die Schuhe aus, und liess seine nackten Zehen ein wenig kreisen.

„Wenn man über das Leben nachdenkt, dann sagt man sich, es bedarf doch eigentlich verdammt wenig, um ein zufriedenes Leben zu führen. Muß nicht viel sein. Warmes Essen, Freunde, Musik und guter Wein. Oder Bier. Oder das Zeug, das hier wie Unkraut wächst.“

Er zog wieder an dem Joint. Und beobachtete wie die Glut wieder Kraft fand.

„Aber so ist das nicht. Ich streife tagsüber durch die Parks. Vorbei an diesen Monstern, die sich benehmen, als wären sie Menschen. Ich habe hunderte abgestochen. Ich bin wie von Sinnen über die Wiesen gerannt. Hunderte. Sie zischten wie gefüllte Schweinsblasen. Die Luft entwich ihnen, die Augen rollten davon, und nichts blieb übrig. Nur ein verdammter leerer Sack. Du kannst dich davor stellen, die Elfen alle abmurksen und auf die Reste von so einem Zwerg schauen. Nichts passiert. Vor dir bleibt die Hülle liegen. Keine Ameisen, keine Tiere, keine Würmer. Nichts. Blätter stürzen von den Bäumen. Sie stürzen runter wie Goldsäckchen. Total verrückt. Du drehst dich um, du wendest den Blick ab, du schaust gar nicht mehr hin. Und dann verschwindet es. Die Elfen auch. Dann liegt nichts mehr auf dem Boden. Alles weg.“

Er senkte den Kopf, liess das Kinn auf die Brust baumeln.

„Ich habe es satt.“

„Wir sind Sklaven!“

„Ja, das sind wir. Das Problem ist, dass du den Sinn verstehen willst, Christopher. Du willst es verstehen. Doch so geht das nicht.“

Dann schaute er wieder auf, sein Blick richtete sich über die Baumwipfel.

„Sie haben eine Menge kluger Leute hierher gebracht. Sehr intelligente Menschen. Einige wurden erst geboren, lange nachdem ich verschwunden war. Manche saßen hier, aßen ihr Schüssel leer. Gerade so wie du. Ich sah sie verdammt noch mal nie wieder, Christopher. Ich weiß nicht, warum ich hier sitze. Ich gehe davon aus, dass es keine Verwendung für Trapper gibt. Und auch keine für Vorkoster. Sie beobachten mich. Ich glaube, sie beobachten mich.“

Ich nickte. Es gab sonst nicht viel zu tun. Darum fragte ich, während ich die Schüssel neben mich ins Gras stellte.

„Gibt es hier Katastrophen?“

„Katastrophen?“

„Erdbeben, Stürme, ungewöhnliche Erscheinungen.“

„Ich will verdammt sein, wenn es hier keine ungewöhnlichen Erscheinungen gibt.“ Er lachte. „Nein, ich weiß was du meinst. Ich verstehe. Ich vermute, es passiert innerhalb längerer Zeiträume etwas, das ich als eine Zeitwende sehe. Für ein paar Tage kommt ein Wind auf. Die Blätter fliegen aufwärts. Es gibt hier normalerweise keinen Wind. Und Blätter, die auf dem Boden liegen, bleiben auch immer da liegen. Außer ich bewege sie. Wundert mich sowieso warum sie überhaupt zu Boden fallen. Es gibt keinen Winter. Kein Schnee. Keine Wölfe. Aber der Sommer ist gleichzeitig ein Herbst. Sie werfen viel durcheinander. Ziemlich schlampig. “

„Also keine Götter?“

„Verdammt noch mal, nein, keine Götter. Nein. Verdammt. Nein.“

Er stand wieder auf, barfuß ging er zurück ins Haus, in der Tür drehte er sich nochmal um.

„Du kannst hier schlafen.“

„Ich habe ein Bett. Und es ist noch nicht Abend.“

„Es ist egal, ob es Abend ist. Glaubst du es ändert sich irgendwas? Verdammter Narr. Suche mal dein Bett. Viel Spaß.“

„Du meinst, ich finde es nicht wieder?“

„Du bist durch eine Tür gekommen, nicht wahr? Siehst du irgendwo diese verdammte Tür? Wenn sie wollen, dass du den Raum wieder findest, dann wirst du ihn wiederfinden. Keine Frage.“

Er trat in die Hütte.

Ich blieb sitzen. Eine Art Erschöpfung beschlich mich schon seit unserer Unterhaltung. Es machte kaum Sinn den Ausgang zu finden. Ich vermisste Bengal, der mit seinen klaren Gedanken eine Stütze in ausweglosen Situationen sein konnte.

Bald John war wahrscheinlich der einzige Mensch, der lange genug hier war, um mir eine Erklärung zu geben, für das was hier passierte. Auch wenn er selbst nicht wußte, wie diese Dinge alle zusammen hingen. Und er konnte sich hier bewegen. Er wußte wie er zurück zu seiner Hütte fand. Ich war in diesem Park hilflos. Ich wußte, der Weg zur Tür konnte nur in kleinen Schritten erfolgen. Ich mußte mir die Gegend erarbeiten.

Ich zog meine Jacke aus, rollte sie zusammen, setzte das Bündel hinter mir ab und legte mich zurück. Mein Kopf ruhte auf der Jacke, mein Blick richtete sich nach oben. Der Himmel war unbedeckt. Einige Wolken verharrten still und bewegten sich nicht weiter. Wie auf einem Gemälde oder Foto. Kein Wind. Es gibt hier keinen Wind hatte Bald John gesagt. Das mag daran liegen, dass wir vielleicht gar nicht im Freien waren. Tatsächlich befanden wir uns ja sehr viel tiefer in einer großen Stadt. Dieses konnte nur ein Raum sein, auch wenn die Dimensionen unendliche Ausmaße zu haben schienen.

Über mir durfte sich daher kein Himmel befinden, sondern eine Kuppel. Und wäre das so, dann würde es erklären, warum sich die Wolken nicht bewegen.

„Bewegen sich die Wolken?“ rief ich zur Hütte.

„Wie sollten die verdammten Dinger das tun?“ Er trat wieder heraus. „Sie haben sich noch nie bewegt. Es sind immer dieselben Wolken. Sie bleiben einfach da hängen. Wie ein verdammtes Mobile.“

„Bewegen sie sich auch nicht, wenn der Wind kommt?“

„Nein, kein Stück.“ Er sah hinauf. „Ich wollte, ich würde mal wieder einen verdammten Sternenhimmel sehen.“ Mit der rechten Hand deutete er auf eine Wolke, die links von mir am Himmel stand. Sie sah aus, als sei sie von einem Flugzeug durchschnitten worden. „Ich lag oft so wie du da. Und wenn es wirr wurde in meinem Kopf, dann gab ich ihnen Namen. Ich wollte mich an all die Frauen erinnern, die mir schon begegneten. Die Huren. Wunderschöne Frauen. Fantastische Frauen. Ich war so meschugge, das ich die da oben Mary nannte. Manchmal, ich bin ein verdammt sentimentaler Idiot, spreche ich mit ihr. In ihrer Nähe befindet sich Georgia. Sie ist die reine Freude. Verdammt. Ich wollte dir das nicht erzählen.“ Er drehte sich wieder um und trat zurück in das Dunkel seiner Hütte.

Mary war schöner als Georgia, aber das lag natürlich im Auge des Betrachters.

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