Anfang 62. von 300

Im Hinterhof fand ich das Zeichen.  Also drehte ich mich um, ging zurück in die Küche, holte die Bürste, einen Eimer und trug die Seifenlauge in den Hof. Ich stellte ihn vor die Mauer, tränkte die Bürste und versuchte mein Glück.
“Was, zum Teufel, machst du da? Es ist fünf Uhr morgens!”
“Der Scheiß muss weg!” Ich kämpfte mit der Lackschicht, die Wand war nach kurzer Zeit feucht, aber die Farbe zog zu schnell in den Putz. Ich hatte keine Chance.
“Mit Seife? Du brauchst Lösungsmittel dafür.”
“Wir haben kein Lösungsmittel, verdammt!”
Melissa spielte Roller-Derby, trug Tattoos von der Fuß- bis zur Nasenspitze, schlug sich mit den stärksten Jungs, und war die schläfrigste Schwester, die ich mir vorstellen konnte. Das war die Großstadt, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Seit ich hier lebte, waren mir meine T-Shirts zwei Nummern zu groß und ich rauchte wie ein Schlot. Meine helle Haut wurde picklig, die Baseballkappe stank nach Schweiß und meine Sprache klang nach einem Land, in dem ich noch nie war. Die Dinge hatten sich gut entwickelt, seit unsere Eltern tot waren.  Besser als jeder gedacht hatte. Die Jungs waren auf meiner Seite, die Mädels mochten Melissa wirklich.
Ich warf die Bürste wieder in den Eimer, der Schaum spritzte zur Seite und bildete eine Lache auf dem Asphalt. Das war unser Hinterhof. Hier waren unsere Zeichen, unsere Schrift, unsere Spuren und unsere Kippen. Die, die nicht hier gehört, hatten ihr Zeichen heute Nacht an die Wand geschmiert. Und ich hatte es zu spät gemerkt. Ich konnte das unmöglich so lassen.
Ich spuckte auf den Boden, schnappte mir wieder den Eimer und schleppte ihn zurück in die Küche.

„Das geht nie wieder weg! Scheiße!“

Melissa trank ihren Kaffee so schwarz, dass er der Haut ihrer nubischen Prinzessin glich. Die schlief wahrscheinlich noch in dem Hochbett. Als untere Eltern sich überschlugen, wollten wir keine neuen. Und ich weiß nicht genau, wie es Melissa gemacht hatte, aber wir lebten hier. Ich war sechzehn, sie dreiundzwanzig und wenn Paula bei uns war, dann nannten wir das eine WG, und für alle schien es okay. Zwei Jahre, sagte sie immer wieder, das bringen wir rum. Reiß dich zusammen. Wir packen das.
Paula war die nubische Prinzessin. Sie modelte für die großen Labels, und manchmal fanden wir ein Bild von ihr im Internet. Auf Seiten, auf die es nicht hin gehört. Nichts zu machen, lachte Paula. Sie hatte viele Fans. Sie schlief meistens, wenn sie bei uns war. Das lag an den Flügen, den Städten, den Arschlöchern ganz allgemein und an Melissa, die sie nicht loslassen wollte.
„Was willst du machen?“ Melissa sah mich über den Kaffee an. Sie blies den Dampf beiseite, grinste und wiederholte die Frage. „Was willst du machen, kleiner Frosch?“

„Was wohl? Ich hole mir Scheiß-Lösungsmittel, um diese Scheiße wegzumachen. Verdammt!“

„Yo! Mach das, Bruder!“
Ich war das schmächtigste Kerlchen. Ich war schon immer dünn, und lang, aber niemals groß genug um ein Basketballstar zu werden. Ich war der, den die anderen zur Seite schoben, wenn der Ärger zur Tür hereinkam. Sie mochten meine Skizzenbücher. Sie mochten es, wie schnell ich die Tags an die Wand haute, den Stift über die Seiten zog, und das ich ihnen jedes Comic-Wesen zeichnen konnte. Sie wollten sie sich später mal stechen lassen. Ich sollte das doch machen. Ein Tattoo-Studio. Das sei gut. Ich könnte mir einen Namen machen. Ich lachte dann immer, sprach nicht mehr davon und hoffte, niemals in die Nähe eines solchen Studios zu kommen. Ich wollte Comics machen. Einfach nur Comics. Heldengeschichten schreiben. Kerle, die die Welt aufräumen. Sich nicht mit Lösungsmittel und verdammten Zeichen im Hinterhof beschäftigen.
Meine Muskeln hatten die Eigenschaft sich irgendwo in meinen Körper zurück zu ziehen, die Hosen rutschten ständig, und meine Beine staken in den Turnschuhen wie dünne Fremdkörper. Ich hätte nicht gewusst, was ich ohne die anderen Jungs machen sollte. Hier sollte unser Zeichen sein. Nicht ein Fremdes.
Paula brachte Matzenbrot in die Küche, und eine dunkle Marmelade von ihrer Oma. Meistens mischte die gute Frau Feigen mit irgendwelchen roten Früchten für ihre Enkelin. Bestrich man das Matzen mit etwas Butter, und das war schon hohe Kunst, gab darauf dann die Marmelade, dann hatte man entweder eine unglaubliche Schmiererei oder eine Offenbarung auf dem Teller. Alles möglich.
Paula war eine unwirkliche Schönheit. Ihre Bewegungen waren fließend, und passten weder in diese Küche, noch in diese Stadt. Sie war von irgendwas runter gefallen und Melissa hatte sie gefangen. Melissa sagte immer, es war der Himmel, und Paula lachte dann und erzählte etwas von einem Tisch und einer Glühbirne. Ich konnte mir keinen gemeinsamen Ort auf dieser Welt vorstellen, an dem sich solche Leute wie Melissa und Paula wirklich treffen konnten. Außer einer Lesbenbar oder einer komischen Seite im Internet.
Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte Melissa in einer Halle, die die Bezeichnung „Sportpalast“ gekonnt entwertete. Es war ein Höllenlärm, wenn die Mädels auf ihren Rollschuhen über die Bahnen sausten. Sie rempelten sich andauernd, flogen gegen die Bande und lachten dabei, als wäre es das größte Vergnügen der Welt. Sie trugen einen Mundschutz, aber trotzdem hatten ein paar von ihnen Zahnlücken, weil der Krach natürlich nicht in außerhalb dieser Sportstätte plötzlich aufhörte. Das zwischen Paula und ihr war vielleicht nur eine Phase, oder die wirklich einzige Liebe. Ich konnte das nicht so genau sagen. Sie war schon mit Johns und Joes zusammen, und die waren manchmal weiblich, manchmal wusste ich es nicht, und manchmal waren es eben Jungs. Die Welt ist nicht so einfach.
Paula biss in ihr Matzen. Sie hob es mit zwei Finger, an denen nichts haften blieb, was dort nicht haften sollte, bleckte ihre Zähne und zeigte mir wieder mal, dass Menschen auch perfekt sein können. Selbst wenn sie gerade aus dem Bett gefallen sind.

„Gehst du zum Baumarkt? Ich komme mit.“

„Ist okay.“

Wenn Paula dabei war, dann konnte ich den Baumarkt komplett ausräumen. Keiner hätte auf mich geachtet.  Mit Paula im Baumarkt, das war so, als ob der Papst durchs Bahnhofsviertel marschieren würde. Das war kein Auflauf, das war eine Parade.

„Warum zeichnest du nicht selber etwas auf die Wand? Ein großes Graffiti, und dann ist Ruhe.“

„Sie würden es taggen.“

„Kein Mensch würde irgendwas von dir taggen, du kleines Genie. Ernsthaft! Tobe dich aus.“

„Was…“

„Kunst. Große Kunst. Keine Namen. Zeichne was. Große Kunst, Bruder!“

Sie fuhr mir durchs Haar.

„Du kannst das.“
Würde ich irgendwann eine große Geschichte erzählen, dann wäre das der Punkt gewesen für die Weichen in die Zukunft. Paula ging mit mir in den Baumarkt. In den Baumarkt. Die Jungs. Wenn sie das gesehen hätten.

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