Anfang 61. von 300

Als unser Analytiker sich in das vierblättrige Monster verliebte, war alles schon zu spät. Die Gefolgschaft der Bekanier erklärten uns den Krieg, die Erde ging unter, und alles weitere war auch nicht gut. Wir hatten zweitausend Frösche in den Antrieb geworfen, umrundeten die Eisplaneten und beschlossen die Verträge, nach dem Untergang der Erde, juristisch neu zu betrachten.
Wir hatten mal zwei Analytiker an Bord. Aber einer war, wie bereits erwähnt, durch seine Leidenschaften, ausgefallen. Ich besuchte also den anderen. Ich durchschritt die Hallen, in denen das Licht ständig aus ging, zog hinter der dritten Tür meinen Anzug an und betrat das Refugium des Analytikers. Der Nebel umhüllte mich, das Wasser tropfte von oben, von unten und von der Seite, und es schien vollkommen normal, dass ich innerhalb von Sekunden in meinem eigenen Schweiß stand. Der Analytiker war ein alternder Puddingkopf, der bedächtig hin und her nickte. Seine Augen sahen irgendetwas hinter mir, weiteten sich und dann war er tot. Er fiel einfach in sich zusammen, die Luft entwich ihm. Aus dem Loch in seinem Leib gluckerte eine grüne Flüssigkeit.Es war wohl Blut. Und dann war ich umgeben von grinsenden Bekaniern. 
Es war der 12. Juli 2312. Und da es keine Erde mehr gab, war die Zeitrechnung im Grunde hinfällig. Aber so war es eben. Normalerweise verbrachte ich diese Tage mit meinen Kindern in einem Freizeitpark in der Nähe von Neu-München. Es waren schöne Tage, die Sonne war ausgezeichnet in Neu-München und es gab auf dem Shuttle-Bahnhofs der Raumstation auch nie so ein Gedränge, wie es oft an exotischeren Orten auftrat. Ich hatte eine schöne Zeit, in jedem Jahr, in dem es einen Juli gab. Nun waren meine Kinder älter und ich nicht mehr ganz so gut gelaunt. Meine Frau beschloss dieses Jahr, dass es keinen Sinn machte, wenn nur wir zwei im neuen englischen Garten liegen würden. Also war ich nun von den Bekaniern umringt. Und sie sah sich Serien an, oder las Bücher oder verführte den Nachbarn. Es war mir egal.
Bekanier sehen aus wie plüschige Kängurus, hatten einen schlechten Charakter und eine Allergie gegen irdischem Blütenstaub. Gegen jeden irdischen Blütenstaub. Sie aßen alles, was sie finden können, und wenn es sein muss, auch Metall und Uran, selbst verbrauchtes Uran. Und so befanden wir uns bisher eigentlich in einer ganz guten Handelsbeziehung. Das war nun vorbei. Wenn Bekanier grinsen, dann entblößten sie zwei Reihen bläulicher Zähne, die im Dunklen fluoreszierend leuchteten. Es macht sie sehr unheimlich. Und mir sehr viel Angst.
Sie hatten einen Akzent, der klang wie besoffenes Französisch, und genau in dieser Tonlage, aber noch ein bisschen piepsiger, sprach mich ihr Anführer an. Seine Waffe, ein fieses Ding, das ich noch gar nicht kannte, aber länger war als sein rückwärtiger Schwanz, hielt er mir bedeutend vor die Nase, und unterstrich damit seine Worte.
„Es ist vorbei, Maier“.
Mein Name ist Captain Hans Maier, mein Dienstgrad richtet sich nach meinem aktuellen Arbeitgeber. Momentan war ich der oberste Administrator, der strategischen Müllbeseitigung irdischer Güter. Wir lieferten also verbrauchtes Uran an die Bekanier und nahmen dafür ihr Guano wieder mit. Es gab einen guten Namen für solche Jobs, und der war sehr kurz und bezog sich auf die Fracht, die wir zurück zur Erde brachten. Ja, genau.
Mit der Erde war es vorbei, und das lag mit Sicherheit eher an einem Versehen, als an dem Fehltritts des Analytikers. Man muss die Position der Erde auch nachträglich im richtigen Licht betrachten. Für uns war es schon vorbei, als wir ins All aufbrachen. Wir wurden dort sehr schnell als das Prekariat der Nachzügler betrachtet. Im Jahre 2245 als wir glaubten, die Zivilisation auf fremde Planeten zu bringen, war der Kuchen schon verteilt, unsere Technologie veraltet und die Aliens hatten keine Lust auf uns und unser Moralverständnis. Und für sie waren wir die Aliens. Wir beschossen sie schnell mal mit unseren Kinderraketen. Und was wir sonst noch so innovatives mitbrachten. Und sie putzten uns weg. Deswegen kutschierten wir den Müll durch die Weiten des Alls. Und auf Bekanien zogen sie solche Burschen groß, denen jeder Respekt fehlte.
„Nimm die Waffe weg.“

„Nix gibts, Maier. Wir werden deinen Erdenarsch weichvögeln, und danach lassen wir dich da draußen platzen. Bis du aussiehst wie der kleine, grüne Schleimhaufen da.“
Das sagten sie immer. Das hatten sie schon gesagt, als ich das erste mal ihren überheblichen Planeten betrat. Überall glitzerte und funkelte es wie in der Schatzkammer eines Verrückten, und ihre Sprache strotzte nur so vor vulgären Provokationen. Ich glaubte, es gab noch keine Vergewaltigungen von Bekaniern. Also, ich ging fest davon aus. Ich beschwor mich. Ich hatte den Kontakt zur Datenbank verloren. Ich wusste eigentlich gar nichts.
Wenn Bekanier schliefen, sahen sie unglaublich süß und niedlich aus. Sie nuckelten an ihrem Schwanzende, hatten so kleine Pfötchen, die sie in einer embryonalen Stellung wie kleine Dinosaurierfüßchen vor sich hielten, und schnarchten so sanft und weich, dass man meinte, eine Katze würde schnurren. Tatsächlich waren sie jedoch brutale Gesellen, mit miesen Manieren und schrecklichen Tischsitten. Sie hatten kein Gewissen, waren das personifizierte Böse und wenn irgendwo etwas richtig schlechtes passierte, dann durfte man ruhig die Schuld auf sie schieben. Sie waren sicherlich irgendwie daran beteiligt.
Die Kultur der Bekanier bestand aus Diebstahl, Raubzügen und ungeordneten Eroberungen. Sie waren drauf und dran das komplette All in ihren Besitz zu bekommen, und wir waren nicht einmal eine Bedrohung. Wir waren nur das Ungeziefer, und darum musste die Erde fallen. Obwohl – eigentlich wusste niemand so genau etwas über die Zusammenhänge. Meine bestehenden Aufträge schienen nun alle aufgehoben zu sein. Es gab keine Ladung, die wir von unserem Heimatplaneten abholen konnten, und das Guano konnten wir genauso gut jetzt sofort aus dem Frachtraum entlassen. Unser Mond war sowieso schon überdüngt. Und er trudelte gerade ziemlich ziellos durch die Kälte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er in die falsche Umlaufbahn geriet, jemanden die Vorfahrt nahm und damit das Schicksal der Erde teilte. Die letzten Siedler auf der ersten Kolonie. Nun gab es fortan nur noch mich und meine Crew, einige Tramps und die bekifften Marsianer, die seit 100 Jahren ihr Scheitern feierten. Einst die Avantgarde, heute nur noch bettelnde Hippies. Der Mars, das hatten wir vertraglich festgelegt, wurde nicht mehr von uns angeflogen. Einmal und nie wieder. 3 Wochen Dekontaminierung waren ausreichend. Genug ist genug. 
Die Bekanier waren dabei uns auszurotten, und taten das gewissenhaft, erstaunlich schnell und ziemlich schlau. Die Erde war immer unsere Rückzugbasis. Anfangs hatten sie uns auch dort besucht. Sie sprangen breitbeinig durch unsere Städte, tranken unser Bier, stiegen um auf Absinth, aber erst das Zeug, das synthetisch auf einer Basis zwischen Mond und Erde hergestellt wurde, gefiel ihnen wirklich. Und so schmuggelten wir immer ein Päckchen für die wahren Fans an den wichtigsten Planeten vorbei. Die Erde galt nicht als wichtiger Planet. Wir kamen in keine Vollversammlung, durften uns keiner Konföderation anschließen, und hatten auch sonst eher den Status gutwilliger Tiere.
„Ich werde dich so lange vögeln, bis dir der Matsch aus den Ohren rauskommt, du blödes Vieh !“ schrie mich der kuschligste aller Bekanier an. Wären die Bekanier eine Erfindung, so wären sie die Ausgeburt eines irdischen Großmauls gewesen. Einer, der sich in dem Sprechgesang typischer Knastinsassen üben wollte. Immer einen vollkommen falschen Spruch im Slang der charmantesten Sprache der Erde. Und das vorgetragen mit einer Stimme, die ausnehmend harmlos klang. Eben genau jene Stimme, die der Herrgott den Kuscheltieren gab. 
Der Bekanier mit dem mächtigsten Fell hinter den Ohren stieß mich unsanft vor sich her, und gab seinen Kollegen einen anzüglichen Schlag in die Höhe, in der man einen Beutel vermutete. Wenn sie nicht sprangen, dann wirkten sie tölpelhaft, desorientiert und wie unter Drogen. Das passte zu ihrer Stimme, nahm aber meiner Situation die Ernsthaftigkeit. Ich ahnte, was mit meiner Crew geschehen war, wusste aber nicht, wie es sich tatsächlich verhielt. Das flackernde Licht der letzten Halle verbarg mehr, und egal in welche Richtung ich mich wendete, stand ein Bekanier vor mir. Mit demselben Grinsen, denselben Knopfaugen und einem dämlichen Spruch auf den Lippen.
„Maier, du bist verloren. Du bist mein und verloren. Euer Analytiker hat es gewagt…nicht der..der andere.“

Er deutete erst auf das, was von unserem letzten Analytiker übriggeblieben war und dann mit der Waffe in die Luft. Der Andere. Unsere Analytiker waren sensible Wesen, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, warum sich so einer in das Haustier der Bekanier verliebte. Und sich mit ihm davonstahl. In die Tiefen des Alls. Und warum das überhaupt so ein Thema war. Dieses Monster sah aus wie eine Pflanze, und ich konnte nicht einmal den Namen aussprechen.
„Er hat es gewagt, sich unsere Geheimnisse zu eigen zu machen. Er hat sie gefickt und mitgenommen. Und ihr alle, ihr alle werdet dafür büßen.“

Die Waffe schwang vor meinen Augen, zielte auf meine Stirn und wurde mir in den Magen gestoßen. Ich knickte ein. Der Boden war mit einer feuchten Nebelschicht bedeckt. Ich war mir sicher, dass die Schimmelkulturen sich sofort meiner bemächtigen würden. Wir standen schließlich im Wohntrakt des größten Datenspeichers der Galaxie. Einem puddingfarbenen Schimmelpilz aus dem vierten Sprungquadranten. Analytiker gedeihen prächtig, und wenn man Glück hatte, dann teilten sie sich während einer Fahrperiode. Aus einem Analytiker wurden dann zwei. Wir hatten Glück, und dann zwei Analytiker, von denen sich einer wohl unnütz fühlte. Jetzt hatten wir keinen mehr, und die Bekanier vermissten das Schoßtier ihres Tyrannen.
Ich atmete Nebel ein,spuckte Wasser aus, stöhnte und versuchte mich am zotteligen Bein meines Gegners hoch zu ziehen. Er stieß mich weg. Er tat das ausgesprochen galant, trotzdem fuhren seine Krallen über meine Backen, und der Nebel drückte sofort als eine brennende Flüssigkeit in die Wunden. Die Narben würden bleiben, also packte ich seinen Fuß, klammerte mich daran, riss daran, bis hinein und lies ihn nicht mehr los.
„Vieh!“ brüllte mich der Bekanier an und stieß wieder und wieder mit dem hinteren Teil seiner Waffe auf mich ein. Er traf Kopf und Schulter, aber ich spürte nur die Schläge, keinen Schmerz. Eine Dumpfheit versuchte sich meiner zu bemächtigen, aber ich ließ nicht los. Ich schwöre. Und hörte dennoch nur noch sein Gebrüll. „Du verdammtes Vieh!“ bevor es dann doch endgültig schwarz wurde.Advertisements

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