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In seinen jungen Jahren trug Peter seine Haare lang, färbte sie silbern und ging mit einem blau angemalten Gesicht zur Schule. Er war damals 16, bevorzugte gelbe Kleidung mit Warnhinweisen und war der feste Überzeugung in keinster Weise der irdischen Rasse anzugehören. Im Unterricht beantwortete er alle Fragen charmant und glänzte mit einer bestechenden Logik. Es gab nichts gegen sein Aussehen zu sagen, wenn man bedachte, dass seine Mitschüler gerne mal in einer Verkleidung kamen, die auf japanische Zeichentrickserien beruhten. Sein Lehrer war Paul Witschel, und der hatte schon vieles gesehen. Und einiges schon durchgemacht. Paul behauptet im Kollegium, dass ihn Schüler mit Schnittwunden am ganzen Körper mehr interessierten, als irgendwelche verkleideten Spinner. Damit war das Thema vom Tisch, und alle bissen vergnügt in ihr Pausenbrot. So war das mit Peter. Sehr viele Jahre später verhaftete man Paul, weil er im Darknet Drogen kaufte, aber Peter war zu dem Zeitpunkt schon Multimilliardär, und somit bekam letzterer gar nicht mit, dass ersterer im Knast verreckte. Die Dinge passierten einfach so. Manches konnte man sowieso nicht verhindern.

Als Melanie Peter kennenlernte, balancierte er auf einem Brückengeländer in Köln und sorgte damit für beträchtliches Aufsehen. Im Grunde war der Ausdruck Balancieren falsch gewählt, denn was Peter machte, war von einer unbeschreiblichen Lässigkeit. Er starrte auf den Rhein, achtete gar nicht auf seine Füße, und ging einfach weiter, als handle es sich um einen Sonntagsspaziergang. Unter ihm hielt eines dieser gigantischen Schiffe, das reiche Amerikaner in tollen Kajüten durch Deutschland schipperte. Es blieb stehen, weil die Passagiere mit offenem Mund auf dem Deck standen und zu Peter hinauf starrten. Hinter diesem Schiff hielt ein Zweites, und dahinter noch eins, und ganz aufgeregt bewegte sich ein Polizeiboot durch den Stau, um ihn wohl irgendwie aufzulösen.

Melanie sah ebenfalls hinunter zum Rhein, war bisher aber Peter nicht gewahr geworden. Sie wunderte sich über die aufgeregten Rufe der Passagiere, und winkte bemüht hinab, aber es schien wohl nicht um sie zu gehen. Sie war nun 23, ein bißchen arg schwanger und überhaupt nicht verliebt. Sie wußte, sie musste mit irgendjemand darüber reden, aber es fiel ihr nicht ein, wer das sein sollte. Der vermeintliche Vater des Kindes war, nach ihrer Berechnung, zu diesem Zeitpunkt gerade in einem Land, dass sie nie betreten wollte, weil da eben so ganz normale Dinge wie Bürgerkrieg drohten. Die anderen jungen Frauen im Coffeeshop sprachen, während sie Pappbecher durchreichten durchgehend von bevorstehenden Hochzeiten, guten Jungs in schnellen Autos und über all die anderen Sachen, die für ein langes, glückliches Leben notwendig waren. Sie dagegen hatte ein abgebrochenes Literaturstudium und ein Bauch, der drohte dicker zu werden. Und nur einen einzigen Beruf, und diesen in einem Coffeeshop. Sie war diejenige, die die Namen der Gäste auf die Pappbecher schrieb und sie so behandelte, als wären alle beste Freunde. Ihr Aufgaber war es auch erfundene italienische Kaffee-Namen dem hübschen Mädchen an der Espressomaschine mittzuteilen.

Das hübsche Mädchen war viel zu jung, viel zu sportlich, hörte auf den Namen Irina, hatte ein Schild mit der Aufschrift Barista auf dem Shirt und war ihre beste Freundin. Das war einfach, denn viele Freundinnen hatte Melanie nicht. Die meisten wohnten in Toronto, Bangladesh und Shanghai, aber mehr als verrückte kleine Skype-Telefonate waren mit denen nicht möglich. Sie alle verband die Zuneigung für einen indischen Sänger, der in unglaublich vielen Filmen mitspielte, von denen nur 5 Prozent überhaupt in deutscher Sprache vorlagen. In Bangladesh war dagegen alles anders. Glückliches Bangladesh, dachte Melanie.

Nach seiner blauen Phase hatte es Peter vorgezogen, sich nicht mehr zu schminken, und die Erde aus der Anonymität der Normalität zu erobern. Mit ungefähr 17 Jahren kaufte er sich 40 weiße T-Shirts, 10 schwarze Hosen, eine Waage, eine ganze Menge schwarze Strümpfe und erstmal vier Paar weiße Turnschuhe mit einem omnipräsenten schwarzen Logo des Herstellers. Er achtete fortan peinlichst auf sein Gewicht, stellte sich einen überaus vernünftigen Ernährungsplan zusammen und zog tagtäglich die gleichen Farben an. Seine Mutter behauptete, er sei ein Autist, und sie sagte das mit einem so guten Willen, dass sie ihn nicht daran hinderte, die Rituale einzuhalten. Im Gegenteil, sie servierte immer, minutengenau, sein Essen, bedrängte ihn nicht, von sich zu erzählen, respektierte sein Bedürfnis nach Ruhe und bekam gar nicht mit, wie der Außerirdische in ihrem Haus sich daran machte, die Welt zu okkupieren.

Peter hatte seit Jahren den Kontakt zu seinem Heimatplaneten verloren. Die irdische Technologie war nicht in der Lage Nachrichten nach Kenturian zu übermitteln. Die bisherigen Systeme basierten auf poröser Hardware mit der er sich abmühen mußte, bis sein Gehirn endlich die Pubertät überwunden hatte. Davor war alles grau. Aber es war auch ihm bekannt, dass es sich dabei nur um eine verwirrte Entwicklungsstufe handelte, die nicht mehr als eine Prüfung war, die vor dem Erreichen eines Reifegrads eben durchlaufen werden musste. Bestand man diese Prüfung nicht, dann wurde man Künstler und konnte zeitlebens seinen infantilen Bedürfnissen freien Lauf lassen. Wurde Maler, Musiker oder Autor. Mischte Kleckse über die Leinwand, erzeugte Töne oder versuchte andere Menschen zu unterhalten. Nichts gescheites, aber sowas eben. Die Verehrung dieser Menschen führte laut Peter zu einer Vernachlässigung der menschlichen Entwicklung, und so war es für ihn kein Wunder, dass die Autos noch nicht schwebten und die Kommunikation mit Kenturian einfach nicht möglich war.

Sie erschrak nicht, als Peter neben ihr stand. Melanie nahm die Dinge wie sie kamen. Aus einem Grund, den sie selbst nicht verstand, war es ihr unmöglich sich zu erschrecken. Sie hörte seine Worte nicht deutlich genug, um sie zu verstehen und sah ihn einfach nur an.

„Ich sagte, kann ich bitte an dir vorbei?“

Seine Schuhe berührten fast ihre Arme, die immer noch auf dem Geländer lehnten. Obwohl ihr diese Sneaker mit dem viel zu großen Herstellerabzeichen bekannt waren, kannte sie niemanden mehr, der diese Marke immer noch trug. Im Grunde trugen nur minderjährige Jungs, die auf BMX-Rädern Kurstückchen vor nicht ansprechbaren Mädchen vorführten, solche Schuhe. Sie wirkten zu groß, zu klumpig, als wollte man damit auf dem Mond herum hopsen.

„Ja.“ Ihre Worte wirkten gleichmütig, gelangweilt. Ihr Blick dagegen wendete sich von ihm ab, zurück auf die Boote unter ihr, die sehr unterschiedliche Formen der Aufregung zeigten.

„Das geht aber nicht, wenn du da stehst.“

„Das mag sein, aber die Frage, ob du es kannst, habe ich dir so versucht zu antworten, dass du den Mut nicht verlierst. Wenn es nach mir geht, dann kannst du alles.“

„Du müsstest das Geländer loslassen und einen Schritt zurücktreten. Damit…“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein, du kannst es nicht. Was deine erste Frage ehrlicherweise beantwortet“

Man sollte an dieser Stelle erwähnen, auch wenn es nicht zur Handlung beiträgt, dass just in diesem Moment, Paul Witschel begann Crack zu rauchen, weil er wissen wollte, was da eigentlich dran ist. Vielleicht aus pädagogischem, experimentellem Interesse oder weil ihn seine intelligente Freundin aus guten Gründen verlassen hatte. Er ging davon aus, dass irgendetwas sensationelles passieren musste. Und sah dabei die Nachrichten. Während das, was er hinterher als einen „Quasi-Orgasmus“ bezeichnet, sein Empfinden durchflutete, berichtete der Sprecher von einem ausgebrochenen Bürgerkrieg in einem afrikanischen Land, dessen Namen sich Melanie nie merken konnte. Aber genau in diesem Moment erwischte den Vater ihres Kindes eine Kugel, die gar nicht ihm galt. Und damit gab es einen Halbwaisen mehr, obwohl dieser noch nicht mal geboren war. Melanie erfuhr das nie. Trotzdem war das der Anfang von Paul Witschels Ende. Seine Freundin hieß Irina und arbeitete bereits in einem Coffeeshop.

Auf dem Boot unter Melanie und Peter befand sich unter anderem eine Gruppe amerikanischer Rentner aus Baltimore, die in einer Tippgemeinschaft viel zu viel Geld gewonnen hatten. Sie hießen John und Joe und George und Paul, und nannten sich die glücklichen Käfer. Was im englischen irgendwie nach Beatles klingt, und das war ja der Witz daran. Als sie im Lotto gewannen kamen sie auf ganz lustige Ideen. Und so investierte John sein ganzes Geld in ein kleines Studio, in dem er nun die besten Mundharmonikasongs aus den Appalachen aufnahm, während George endlich mal glutenfreies Brot für den Süden von Baltimore produzierte und Joe suchte eine Prostituierte mit bestimmten Körpermaßen, die er aus der Prostitution befreien konnte. Das war sehr teuer. Und so kam es, dass Paul der Einzige war, der sein Geld gewinnbringend ins virtuelle Drogengeschäft investierte und dabei noch reicher wurde, und keinen Gedanken an Paul Witschel verschwendete, der jetzt, und noch lange Zeit danach, einer seiner Kunden war. Sie sahen nach oben, starrten auf die Brücke, zückten ihre Handys und nahmen synchron die Szene über ihnen auf. So kam es dazu, dass alles, was sich über ihnen abspielte, aus verschiedenen Kamerawinkeln im Nachhinein betrachtet werden konnten.

In dem Boot waren noch mehr Amerikaner, und zwei Asiaten, die sich sehr verloren vorkamen, aber es lohnt nicht weitere Handlungsfäden zu Melanie und Peter aufzubauen, weil es schlicht keine mehr gab. Nicht jeder Mensch kennt einen anderen, und der wieder einen anderen. Wir kennen uns nicht alle. Peter dachte sowieso, dass sich alle viel zu fremd seien und verstand Melanie überhaupt nicht. Er versuchte eine bequeme Haltung einzunehmen.

„Ich komme nicht an dir vorbei. Willst du mich nicht vorbei lassen?“

„Tatsächlich will ich das nicht. Ich habe den Eindruck, dass du dich umbringen willst. Und ich frage mich, warum du es nicht gleich tust, statt diese fotografierenden Idioten da unten vor Spannung platzen zu lassen.“

Es war Herbstanfang, das Wetter spielte ein klein wenig verrückt und versuchte den Menschen zu zeigen, wer noch am Ruder war. Das heißt, die Winde kamen oftmals ganz plötzlich, die Blätter flogen dann durch die Gegend, und überhaupt konnte es erstaunlich dunkel werden, obwohl es vielleicht noch mitten am Tag war. Manchmal ging das schnell, und nicht jeder war darauf vorbereitet. Manchmal ging es langsam. Wenn es schnell kam, dann wurden die Gondeln über den Rhein nicht mehr genutzt, und die Decks der Ausflugsschiffe waren komplett leer. Oder sie fuhren gar nicht mehr. Die meisten Menschen waren sehr daran interessiert, dem Wetter ein Schnippchen zu schlagen und wollten schon sehr früh erfahren, wie es denn so wird.

In den Nachrichten, die Paul ziemlich bedöst daheim sah, während er in sein Kissen biss und es voll sabberte, wurde aufgrund des Zusammentreffens einer Kaltfront von links und warmen Luftmassen von rechts oben, von einem Orkan gesprochen, der irgendwie, warum auch immer, den Rhein als Autobahn betrachtete und sich darauf gen Köln bewegte.

Melanie hatte schöne lange Haare, deren Enden vom Spliss bedroht waren, und so stand schon lange ein Friseurbesuch an, aber das war noch nicht geschehen. Also wehten sie jetzt unbekümmert im Wind, der immer stärker aufkam. Plötzlich. Hatte keiner mit gerechnet. Nicht jede Wettervorhersage taugt etwas. Und manchmal erreichte sie nur Leute wie Paul, der nun bereits vom Sofa heruntergefallen war, und die Unebenheiten der Decke betrachtete. Alles was kurz vorher in seinem Mund war, blubberte ungehemmt aus ihm heraus.

Der Wind wurde, als Melanies Haare nicht mehr wehten, sondern begannen ihr Sichtfeld komplett zu verdecken, so stark, dass es für den Kenturianer neben ihr vollkommen logisch war, nun zu fallen. Und das tat er, und weil er es freiwillig, konzentriert und entschlossen tat, glich es einem Flug, von dem die Menschen noch lange sprachen. Vor allem die fünf glücklichen Käfer, die synchron ihre Smartphones zur Seite schmissen und ihn auffingen. Als wäre er ein Cheerleader und sie in derselben Gang. Sie gaben sich noch Jahre später Hi-Fives für diese gelungene Aktion, und das Webvideo bekam ca. 1,5 Millionen Klicks. Tendenz steigend, auch noch nach Jahren.

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