Anfang 58. von 300

Am 23. Oktober schwamm der erste Wal vor meinem Fenster vorbei, und schon als ich ihn sah, wußte ich, dass mir das niemand glauben würde. Das Akku meines Handys war leer, der Nebel hing noch satt über dem Wasser und die Touristen trauten sich noch nicht auf die Veranda.

Ich hatte in den letzten Jahren eine blühende Fantasie entwickelt, und ihr leidlich freien Lauf gelassen. Ich war ein kleiner Geschichtenerzähler, und meine Eltern, die beide eher nichts mit Büchern zu tun hatten, fanden das toll. Aber nicht immer. Sie mochten es nicht, wenn ich zwischen den Sommergästen herumsprang, und von den neuen Wölfen erzählte, die nun unsere Wälder unsicher machten. Ich schwor, es gäbe ein Rudel, dass des Nachts Jagd auf Laufenten, die Hühner des Nachbarn und unsere Ziegen machten. Wir hatten nicht viele Ziegen, aber sie waren die Grundlage für den hausgemachten Käse, denn wir morgens beim Frühstücksbüffet anboten.

Wir lebten seit fünf Jahren an diesem verwunschenen Ort, hatten Sicht auf drei weiße Kapellen und einen großen See, der zu unseren Füßen lag, und das Ganze befand sich an einer touristisch erträglichen Ecke in Bayern. Das Restaurant hatte ein Pächter vor meinen Eltern „Seerestaurant“ genannt, und meine Eltern behielten den Namen bei. Weil kaum noch jemand gewerblich fischte, kauften wir die Fische von einem großen Händler, der sie von überall auf der Welt importierte, und unsere Gäste feierten sie als urige, bayrische Küche. Meine Eltern kamen eigentlich aus Berlin, und hatten sich dort politisch so verrannt, dass sie in ständigem Streit mit den anderen Mitgliedern der Kommune lagen. Wir mussten uns was anderes suchen, denn übrig geblieben wäre nur noch so eine Bauwagensiedlung, und das war nicht so attraktiv. Ursprünglich waren meine Eltern, glaube ich, Anarchisten und Punks, aber das ist lange her.

Der Wal war dieser Filmwal, mit den großen weißen Flächen auf der Unterseite. Und nein, er sprang nicht. Ich glaubte, das war auch gar nicht so die Intention von Walen, zu springen. Ich dachte mir das jedenfalls so, und ich wußte auch nicht, warum er sich gedreht hatte und mir die Unterseite zeigte. Ich hatte sehr wenig Ahnung von Tieren, die so groß waren und im Meer schwammen. Ich hatte mich nie für Dinosaurier interessiert, ich war nie am Meer und ich war ein Stadtkind. Ich heiße Samuel, und mit zwölf Jahren war ich definitiv für alles zu jung.

Ich hatte ein Handy mit Kindersicherung, meine Zeit am Computer war vorgeschrieben und viel zu kurz, und ich hatte einfach keine Chance über Fische zu recherchieren. Trotzdem war das ein Wal. In einem See, den ich locker durchschwimmen konnte. Wenn ich mich anstrengte. Und zwar in alle Richtungen. Der See war viel zu grün, daher war die Idee mit dem Schwimmen nicht die Beste. Ich mochte das Schlick nicht an den Füßen. Ich hatte es einmal versucht, und ich war Stadtkind genug, um das nie wieder zu machen.

In Bayern gab es alle möglichen Schlangen, die es in Berlin eigentlich überhaupt nicht gab.

Wenn mein Vater in der Küche die Fische durch das Mehl rollte, während meine Mutter für unsere fünf Hotelgäste, durch die Zimmer eilte, die kleinen Shampoo-Fläschchen aufstellte und die Betten machte, hörte er ziemlich laute Musik aus seiner Jugend. In seiner Jugend war Jungsein ungleich härter als zu meiner Zeit, und all die Kinder, die nicht das Glück hatten, an einem See zu leben, sondern in Londoner Plattenbauten, gründeten Bands und schrieen ihren Frust heraus. Sie nannten sich Punks, und mein Vater, wie gesagt, fand das toll. Und auch wenn er heute graue Schläfen hatte, wäre er wahrscheinlich immer noch gerne mit dieser Sicherheitsnadel in der Backe rumgerannt. Meine beiden Eltern viel zu alt für mich. Meine Mutter war sicher, das wird nichts mehr, und mein Vater auch, dann liessen sie das mal mit der Verhütung sein, und, zack, hatte es geklappt, sie wurde schwanger, und er dachte zum ersten mal über Heirat nach. Und zwölf Jahre später sass ich in einem sehr angenehmen Kinderzimmer und sah meinen Wal vorbei schwimmen.

Ich hätte es getwittert. Und dann 50.000 Follower gehabt. Aber so starrte ich nur auf das toteste aller Smartphones und sagte: „Sackmist!“
Und „Fuck!“
Und „Fuck! Fuck! Fuck!“
Und dann war der Wal weg. Das Wasser beruhigte sich, der Nebel lichtete sich und George Stropinski trat unter meinem Fenster auf die Veranda. Der George Stropinski. Der einzige George Stropinski.
Er hatte mir das mal erzählt.

Früher, als Berlin kleiner war, aber zweimal auf der Landkarte, und als es zwei deutsche Staaten um diese zwei Berlins gab, und unglaublich komplizierte Reiseregeln, hatte ein Musiklehrer zu ihm gesagt:
„Stropinski, so wird das nichts! Du kannst zwar besser als jeder anderer die Instrumente spielen, ja und hast sogar Ahnung vom Komponieren, aber mit diesem bescheuerten polnischen Namen, da ist das alles vergeudetes Talent. Das wird nichts, Stropinski, das sage ich dir.“
„Das ist kein polnischer Name!“
„Na, nun denn, wird trotzdem nichts!“

Das hatte seinen Ehrgeiz angestachelt. Unglaublich. Er wurde zwar weder ein toller Musiker, noch ein guter Komponist, aber er war der Polonäse-König der deutschen demokratischen Republik. Es gab wohl auch einen im Westen. Gerüchteweise. Aber der George Stropinski war der Kracher. Gelbes Jacket, blaue Hosen, karierte Krawatten, und einen donnernden Krawall in der Stimme, wie es sich für einen König gehörte.

Später spielte er Blues, verschwand irgendwie aus den Medien, und wollte bei uns ein dauerhaftes Hotelzimmer, aus dem er nicht mehr auszog. Er wurde dick, dicker, ziemlich arg dick, brauchte einen Stock, stolzierte täglich auf die Veranda, und benahm sich wie ein Gentleman. Ich mochte ihn sehr. Er war gemütlich, höflich, hatte ein donnerndes Lachen, und ich rannte kurzentschlossen zu ihm.

„Ich habe einen Wal gesehen, Stropinski!“ Kein Mensch nannte ihm beim Vornamen oder verwendete eine andere Anrede als Stropinski und er liess alle gewähren.

„Ja, Samuel, er wird das UFO gesucht haben, dass letzte Woche über den See schwebte. Als du nachts aufgewacht bist, und zum ersten mal versucht hattest, den Kontakt zu den XOX aufzunehmen.“

„Nein, das glaube ich eigentlich nicht!“

Und unter mir verspürte ich die Wärme der verbrannten Erde, die mich unruhig werden liess. Es war kaum noch etwas übrig von meiner Glaubwürdigkeit. Gottseidank jedoch, eilte mir Hans Glockenhell zur Hilfe. Hans Glockenhell wurde uns immer am Anfang irgendwelcher Herbstferien übergeben. Auch in den Sommerferien verlief das so. Sein Kinder fuhren dann mit dem Porsche vor, zogen ihn mit vereinten Kräften aus der Rückbank, und hievten den achtzigjährigen Mann vor unsere Stufen. Er murmelte dann meist etwas von dem wunderbaren Schloss, oder warum man ihn jetzt in die verdammte Fabrik bringen wollte oder was er denn getan hätte, und warum er dafür ins Gefängnis komme. Am Ende der Ferien kam seine schicken Kinder wieder, schleiften ihn zurück in den Porsche und düsten wieder ab.

Dazwischen war er meist still, wünschte sich Tunkbrot zum Frühstück und löffelte zu Mittag seine Suppe. Er war gertenschlank, und ich dachte immer, dieser Ausdruck käme von der Zerbrechlichkeit einer solchen Gerte, aber tatsächlich ist eine Gerte zäh. Und das war er auch. Und so kam er immer wieder.

Und wie ein Geist trat er hinter uns, stützte sich auf meinen Kopf, weil er sich immer auf etwas stützen musste, und meinte geheimnisvoll: „Es war kein UFO zu sehen, aber der Wal begrüßte uns mit Heiterkeit“

Naja, Heiterkeit..

Stropinski tippte sich an die Stirn, blickte Hans Glockenhell eindringlich an und betonte seine Worte extrem langsam, fast an mich gewandt „Haben sie ihr Brot heute schon genossen, Herr Glockenhell?“

Hans Glockenhell deutete zittrig auf das Wasser: „Ich habe es dem Wal gegeben!“

Und dann kam meine Mutter, die immer Angst hatte, dass sich ihre Gäster von der Veranda ins Wasser stürzten, schnappte sich Herrn Glockenhell, während Stropinski ihr mit einem kleinen Glitzern in seinen Augen nachsah. Also keiner auf das Wasser achtete, aus dem sich eine Fontäne erhob, die kurzzeitig den letzten Nebel in Richtung Sonne durchschlug.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.