Lena

Ich glaube, ich habe mir erst hinterher Gedanken darüber gemacht, was das tatsächlich bedeutet. Eine Problemkatze. Lena, die damals noch anders hieß, wollte sofort Kontakt, liess sich streicheln und wirkt überhaupt nicht problematisch.

Im Grund war ich mir ziemlich sicher, dass ich die erste Hürde schon genommen habe, als ich sie aus dem Tierheim heimbrachte und feststellte, wieviel neugieriger sie war, als alle Katzen, die ich bisher in meiner Obhut hatte. Sie verbrachte keine Zeit unter dem Bett, inspizierte alles und bemühte sich sehr schnell Kontakt zu schliessen. 

Legte sich schon am ersten Tag auf meinen Schoss und blieb da.

Das war viel zu einfach. Im Tierheim hatte man mich darauf hingewiesen, dass sie alles andere war. Als einfach. Die Vorbesitzerin hatte sie abgegeben, weil sie von ihr angefallen wurde. Hieß es. Genaueres wußte ich nicht.

Lena ist fünf Jahre alt, lebte nur in der Wohnung, wurde dann, im Tierheim, raus gelassen und war jetzt wohl entspannter. So erzählte man mir . Ich konnte das alles noch nicht in Einklang bringen.

Am zweiten Tag wischte ich mit einem Lappen den Boden, kam in ihre Nähe, berührte wohl eine Pfote und dann geschah etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Innerhalb von einem Augenblick änderte sich ihr Verhalten. Sie fiel mich schreiend und brüllend an, krallte sich in mein Gesicht, meinen Arm, meine Beine, fauchte, schrie und war kaum zu beruhigen. Ich musste sie mit meiner Stimme und Augenkontakt auf Distanz halten. Sie verfolgte mich innerhalb der Wohnung, wartete auf einen unbeobachteten Augenblick und griff wieder an.  Sie war mißtrauisch, in absoluter Panik und alles, was irgendwie mit Reinigung zu tun hatte, führte zu einem Angriff. Das Abreißen von Wischtüchern, das Rascheln des Katzensandes, ließ sie verrückt vor Angst werden und sie verlor jegliche Kontrolle über sich selbst. Sie verlor ihren Kot im Angriff, aber sie wollte nicht ablassen. Hatte ich es geschafft, dass sie zurück wich, dann saß sie mit großen Augen, nach hinten geklappten Ohren und einer gekräuselten Nase vor mir und schrie mich an.

Lena war im Streß. Sie war sosehr im Streß, dass sie kurz darauf krank wurde, und wir die nächsten Wochen erstmal mit Augentropfen und Tabletten verbringen mußte. Sie hat den sogenannten Katzenschnupfen, und wir verbrachten die folgende Zeit  in einem Pandemiemodus für Katzen. Sie musste isoliert daheim bleiben, bekam Augentropfen und schlief fast durchgehend.

Ihre Augen waren so verklebt, so daß sie kaum schauen konnte, und nachts schnarchte sie in wilden Träumen. Ihre Nase war tagelang verstopft. Sie verkroch sich und suchte sich immer den geschütztesten Schlafplatz in einer Kiste unter meinem Schreibtisch aus.

Anfang November, als sie wieder gesund war, wollte ich sie zum erstmal raus lassen. Sie wagte ihre Schritte. Aber alles, was ihr begegnete – fremde Katzen, fremde Menschen, Autos – ängstigte sie und versetzte sie in Panik. In dem Chaos aus Eindrücke fiel sie mich wieder an, als ich ihren Katzensand transportieren wollte. Wieder griff sie mich an. Dreimal hintereinander rannte sie auf mich zu, schrie, brüllte, fiel über meine Beine her, versuchte mit ihren Krallen nach oben zu gelangen und schlug in mein Gesicht. Ihre Attacken waren blind, panisch, nur auf Verteidigung ausgelegt und vollkommen unkontrolliert. Sie sah nichts mehr, hörte mich nicht mehr, und schlug einfach nur noch zu.

Alle ihre Angriffe hatten etwas mit Reinigung und Katzentoilette zu tun. Soviel konnte ich feststellen. Sie wirkte, als sei das Thema mit Schlägen und Erziehung verbunden. Als müsste sie sich vor neuen Angriffen durch Menschen schützen. Es war die Panik und der Streß, der das hervorbrachte, und natürlich das fehlende, weil noch nicht vorhandene, Vertrauen zu mir. Aber es musste etwas mit Reinigung zu tun haben. 

Ich überlegte lange, wie ich damit umgehe. Wieviel Gefahr droht für andere Menschen? Konnte ich sie rauslassen? Und wenn ich sie nicht rauslasse, was ist die Alternative? Lena verunsicherte mich. Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich in der Lage war, das Thema in Griff zu bekommen. Man sieht sich gerne als Katzenversteher, aber ich wußte nicht, was wirklich die Trigger waren. Ich konnte es nur vermuten, und vermuten bedeutet einen gefährlichen Graubereich. Tatsächlich hat sie mich nun seit fast drei Monaten nicht mehr angefallen. Im Gegenteil, sie sucht die Nähe, hört auf ihren Namen, nimmt mir auch versehentliche Reaktionen und Fehltritte nicht übel und weicht mir Nachts nicht von der Seite. 

Doch ich habe keine Ahnung, ob das so bleibt.

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