Katia Labèque, David Chalmin, Massimo Pupillo & Raphaël Séguinier „Moondog“

Thomas Hardin ist sicherlich einer der wichtigsten Komponisten der Neuzeit, und unter den gegebenen Umständen auch einer der unbekanntesten. Unter dem Namen Moondog wurde eine Unzahl von Werken veröffentlicht, die teilweise noch von ihm selbst aufgenommen wurden, dennoch ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, ob das gesamte Werk seines Schaffens tatsächlich schon bekannt ist.

Daher freut es mich besonders, wenn ich hin und wieder eine Einspielung und Interpretation seiner Stücke entdecke. Moondog wandelte obdachlos mit einem Wikingerkostüm durch die Straßen New York, bastelte seine Instrumente selbst, war geachtet und verehrt unter Jazzmusikern, und verbrachte dennoch weitgehend anonym seine letzten Jahre bei einer Familie in Münster, die sich um ihn kümmerte. Er war mit Toscani, Strawinsky, Bernstein befreundet, für Paul Simon ein Vorbild und hielt mit Allen Ginsberg eine Dichterlesung ab und wurde von Janis Joplin interpretiert. Er nahm bis ins Jahr 1960 Platten auf ganz unterschiedlichen Labels auf und verschwand von heute auf morgen von der Bildfläche.

Seine Werke zeichnen sich durch eine scheinbare Einfachheit aus, und überraschen in ihrer Kürze durch ihre Komplexität. Sie haben die Eingängikeit von Kinderliedern und die Liebenswürdigkeit jener Melodien, die man nie wieder vergisst. Möchte man sein Leben beschreiben, und ihn selbst, so würde es reich an Anekdoten und überschattet von der Tatsache, dass er mit sechzehn Jahren sein Augenlicht verlor. Es gibt Berichte über die faszinierende Begegnung mit seinen selbstgebauten Instrumenten, aber auch immer wieder die tiefgreifende Verehrung, die Musiker für ihn bis heute empfinden. Trotzdem wagt sich kaum jemand an die Neu-Interpretationen seiner Stücke. Die Anzahl der Veröffentlichungen ist obskur und überschaubar. Zumeist sind es Sammlungen seiner Aufnahmen in Kleinstauflagen aus ganz unterschiedlichen Quellen. 

Umso mehr freut es mich, dass auf dem Label Katia und Marielle Labèque eine Verröffentlichung sehr mutiger Aufnahmen und Neueinspielungen der Hauptwerke von Thomas Hardin zu finden sind. Unter der einfachen Bezeichnung „Moondog“ nähern sich Katia Labéque (piano, Wurlitzer), David Chalmin (electric guitar,vocals, synth & electronics), Massimo Pupillo (electric bass) und Raphael Sèguinier (percussion, drums & electronics) einfühlsam und mit einem guten Verständnis für die minimalen Feinheiten den wichtigsten Stücken Moondogs. Ihnen gelingt es dabei, die Elektrifizierung und Hervorhebung der jazzigen Elemente weiter in den Vordergrund zu rücken, ohne den klassischen Ursprung zu verdrängen.

Es klingt vieles neu, einiges ungewohnt, aber es besitzt alles den Charme einer tieferen Beschäftigung, die den Titeln gewidmet wurden und eine Größe unterstreichen, der sich der geneigte Hörer gerne wieder und wieder hingibt. Moondog hat es verdient, dass sich eine neue Generation mit ihm beschäftigt, denn seine Spuren sind allgegenwärtig, auch wenn sein Name in den letzten Jahren wieder in der Versenkung verschwand. Gerade daher macht es Sinn, dass seine Stücke im Umfeld junger Electronic-Musiker gehört und aufgenommen werden. Diese Aufnahmen leisten dazu ein wichtigen Beitrag.

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