Die Krise der Superhelden

Teil 2: Die Parallelwelten

Die Fixierung auf und Bindung an einer Lesergeneration birgt mannigfaltige Probleme. Der erste und wichtigste Punkt ist: Nach einer geriatrischen Phase stirbt sie aus und damit sind die Tage des Verlages, der sie bedient, gezählt.

Im Falle der Superhelden bezieht man sich auf ein Heldenkonstrukt, das in seiner aktuellen Form fast hundert Jahre alt, tatsächlich aber viel tiefer in der Mythologie verwurzelt ist.  In ihren Fähigkeiten und moralischen Prinzipientreue sind Superhelden in erster Linie von dem historischen Vorbild gottgleicher Wesen abgeleitet, wie sie z.b. in dem Olymp anzutreffen sind. Diese Persönlichkeiten sind in aber nur bedingt als Identifikationsfiguren in einer Zeit tauglich, die technologisch schneller wächst als jemals zuvor, aber daraufhin auch ganz andere philosophischen und soziologischen Anforderungen stellt. Die Vermutung, das große Kraft gleichzeitig große Verantwortung mit sich bringt, und der Inhaber einer solchen Kraft auch diese bewusst einsetzt, ist realistisch nicht haltbar, maximal wünschenswert. Das Credo eines Spidermans, das in seiner Form eines der Gesetze darstellt, die die erste Generation Helden prägte, wird heute angezweifelt, in Frage gestellt, aber auch als atmosphärisch langweilig empfunden. Die Popularität einer Geschichte leitet sich zu einem nicht geringen Teil auch von der Stärke eines bösen Gegners ab, nicht nur von der Stärke des Helden. Letztere ist langfristig bedauerlicherweise langweilig. Soll heißen: Die Unverwundbarkeit eines Superhelden ist kommerziell gesehen sein größtes Problem. Wo nimmt eine Geschichte ihre Spannung her, wenn der Held tatsächlich nicht in eine gefahrvolle Situation kommen kann? Deswegen erfand man verschiedenfarbiges Kryptonit und Magie, und damit zwei Themen, die Supermans Unverwundbarkeit aufhoben oder zumindestens schwächten.

Marvel und DC hatten hier verschiedene Optionen mit der Unverwundbarkeit und den statischen Entwicklungen ihrer Helden umzugehen, die ja eigentlich gar keine Entwicklungen zu liessen. Fehler, die bei der Konstruktion ihrer Helden gemacht wurden, konnten hinterfragt werden. In unregelmäßiger Folge veröffentlichte Marvel eine Reihe, die sich „What if…?“ nannte, und dabei noch mal Themen aufgriff, die scheinbar in der anerkannten Historie fest verankert waren. Was wäre gewesen, wenn nicht Peter Parker von einer radioaktiven Spinne gebissen worden wäre? Sondern einer seiner Freunde?

Ein ähnliches Konzept führte auf Seiten DCs zum Beispiel zu den sogenannten „Elseworld“-Stories, die sich nicht bemühten, einer Vorgabe zu folgen, sondern einfach mal den Bogen weiterspannen. Die Helden in einer anderen Welt. Darin aufgewachsen. Differente Kostüme, andere Kräfte, andere Leben, andere Geschichten. Andere Blickwinkel. Mehr und mehr konnte man damit auch auf Strömungen reagieren, die Konkurrenzverlage (Image, Dark Horse etc.) anstießen, aber auch ein kritisches Hinterfragen der eigenen Positionen zu lassen.

In dem ewigen Versuch den alten Leser zu halten und gleichzeitig neue Leser zu bekommen, gingen die Verlage schon immer den Weg neue Helden, neue Zeichner, neue Reihen und neue Schurken ins Rampenlicht zu drängen. Die Anzahl der Erstausgaben ist bei DC und Marvel geradezu unüberschaubar. Es gibt eine Garnison von Sammler, die sich darauf eingestellt haben, jede Erstausgabe, egal wie wichtig oder unwichtig der zukünftige Protagonist sein wird, zu kaufen und einzutüten. So ist es vollkommen normal, dass Erstausgaben quasi einen guten Abverkauf auf einen hoffnungsvollen Sammlerwert haben. Viele Serien überlebten auf diesem Weg kein Jahr, wurden aber sehr schnell in ein Crossover integriert. Crossover sind ein weiteres Konzept, das alle Reihen, die ein Verlag auf den Markt wirft, in ein einziges Ereignis bindet und mit gegenseitigen Verweisen angefüllt ist. Man gewinnt den Eindruck, das alle verfügbaren Serien unwillkürlich mit dem Ereignis zu tun haben und dieses beeinflussen. Crossover führen zu Heldenwimmelbildern, und der geneigte Fan einer Serie glaubt alle Erwähnungen seines Helden besitzen zu müssen. Mit dem üblichen Taschengeldvermögen ist das nicht zu stemmen.

Eine Steigerung des Crossovers ist der Clash der Universen. In Superheldencomics geht man gemeinhin nicht nur von unzähligen Welten aus, sondern auch von parallelen Welten, ja, parallelen Universen. Von einem Multiverse. Die Eigenschaft mehrere Universen, die parallel existieren, ist, dass sie zwar ähnliche Bedingungen aufweisen, teilweise sogar identische, aber sich im Detail unterscheiden. So gibt es im sogenannten Spiderverse eine Unzahl von Spidermen, aber diese sind variantenreich und führen das „What if..?“-Konzept auf ein neues Niveau: Es gibt ein Spiderschwein, eine Spider-Gwen, ein Spiderman der Zukunft, ein Vintage-,Retro-,Steampunk-Spiderman usw. usw. Diese existieren in parallelen Welten, die nur durch Risse, Portale oder sonstige problematischen Öffnungen betreten werden können. Das Schöne ist: Diese Welten existieren in unendlicher Zahl, und im schlimmsten Fall kann man sie kollidieren lassen und die eine oder andere Inkarnation  unseres Heldens ja hinüber retten, in die Original-Erde, in das Original-Universum.

Das Verrückte daran ist, und wahrscheinlich auch das größte Problem gegenüber sensible Leser: Mit dem Modus der parallelen Welten kann man selbstverständlich auch fehlgeschlagene Entwicklungen im Nachhinein entschuldigen. Eine beliebte Variante ist der Reboot einer Serie oder die Entscheidung eine Neuinterpretation zu entwickeln. Ein Reboot passiert meist in einer auflagenschwachen Zeit, wenn man merkt, dass einer Serie die komplette Jugendlichkeit verloren ging, wenn die Helden aufgrund ihrer Historie so gar nicht mehr in unsere Zeit passen wollen. Wenn ihr Verhalten und ihre Geschichte so konservativ wirkt, dass sie unserer Zeit ferner den je sind. Wenn Superman nur noch der Pfadfinder von nebenan ist, aber keine Figur, die noch einen Bezug findet zu unserer aktuellen Generation. Dann wird versucht die komplette Geschichte auf ein neues Fundament zu setzen, dass dem alten gleicht (Grundzüge sind gleich), aber die Details sind anders, neu erzählt und in einem modernen Stil abgefasst. Das funktioniert eine Weile, wirkt interessant, fesselt die Leser, aber lässt sie verwirrt zurück, wenn sich die Geschichten nach einer gewissen Zeit dem alten Kanon anschliessen. Dann ergibt alles kaum noch Sinn und es gibt einen erneuten Reboot, der alles wieder auf die Ursprungsserie einstellen will. Das ist verwirrend, aber nur für einen begrenzten Zeitraum, denn dann fühlt man sich wieder der Tradition verpflichtet. „Rebirth“ ist bei DC der letzte Versuch, dann doch wieder auf ihre Geschichte zurück zu gehen.

Die Erklärungen für ein Reboot, ein Rebirth, ein Versuch an Traditionen anzuknüpfen führt oftmals wieder in eine parallele Welt, deren Handlungstrang verfolgt wurde. In einem finalen Konflikt, wird diese Welt gelöscht, der Held wieder seinem gewohnten Umfeld anvertraut, und dem Leser eine Amnesie empfohlen, damit er nicht allzu verwirrt weiterhin treu bei der Stange bleibt. Und das kann man wirklich nur mit erwachsenen Menschen machen.

Die Folge dieses kreativen Schnickschnacks sind natürlich nicht nur doppelte Heldenfiguren, sondern auch doppelte Bösewichter, die ebenso differenziert in Kostüm und Habitus, sowie Motivation in parallelen Welten und Universen ihr Unwesen treiben können. Oh, und um alles auf die Spitze zu treiben, gibt es auch die Variante, in der Helden mal richtig böse sind und die schurkischen Schurken…also umgekehrt, schon klar , oder?

Und weil das alles noch getoppt werden kann, gibt es ein Marvel Cinematic Universe und bei DC Injustice. Das MCU, also das Marvel Cinematic Universe, ist der Versuch richtig gute, laute Blockbuster-Filme zu produzieren, die ein Publikum befriedigen, dass die Comics in der Mehrheit nicht liest, aber die Fans nicht zu verärgern, die auf Werktreue pochen. Das ist ein Spagat, und im direkten Vergleich nicht funktionsfähig. Das MCU definiert sich zu einem nicht geringen Teil auf eine langjährige Marvel-Parallelwelt-Serie, der es um eine Verjüngung und Aktualisierung des Genre ging. Das funktionierte bedingt und nannte sich „Ultimate“ mit einem „Ultimate Spiderman“, den „Ultimates“ (vulgo Avengers) und ähnliche Varianten. Im Detail waren die Ultimatesserien genial und teilweise wunderschön in ihrem bösen Realismus, aber irgendwann waren sie so nahe am Original, dass man das komplette Universum vernichtete und nur die wichtigsten, und beliebtesten Protagonisten übernahm. In die richtig Welt. Also: Das Ultimate-Universum ist kaputt, das MCU existiert und ist ein Mischmasch aus zwei Universen. 

Injustice von DC ist ein Computerspiel in dem die Helden sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, faschistische Tendenzen haben und alle gar nicht so nett sind. Das führte zu einer Comicserie (nach dem Computerspiel) nun – nach einer Weile – zu der Idee für eine richtig bösen Batmanserie, die eine Bande schlimmer Batman-Inkarnationen auf die  Erde treibt, damit sie dort alles vernichten, was es zu vernichten gibt. „Batman Metal“ ist keine Abspaltung von Injustice, aber ohne das Spiel mit den bösen Helden gäbe es die Konsequenz, die in „Batman-Metal“ ausgelebt wird, wohl nicht.

Unterm Strich, um das Thema mal zu hinterfragen und eine blasphemische These in den Ring zu schmeißen: Parallele Welten sind der kreative Offenbarungseid und verzweifelte Versuch neue Leser zu gewinnen. Mit der Neudefinition der Stammhelden wird gehofft den Anschluss an eine Welt zu gewinnen, die sich nicht entscheiden kann, ob der Kram jetzt Schund oder Kunst ist. Wie auch immer: Allein diese Unschlüssigkeit zeigt die Misere auf. Hätte man sich früher nie drum gekümmert.

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