Die Krise der Superhelden

Eine Betrachtung über mehrere Teile

Teil 1: Die Zielgruppe

Tatsächlich bin ich zu alt für den Scheiß. Aber das ist ein Problem, an dem sich niemand in diesem Leben mehr stören darf. Comics sind lange schon ihren Kinderschuhen entwachsen, und die heutigen Fans der populären Heftchenreihen aus dem Hause DC und Marvel müssen sich nicht mehr mit Eltern rumplagen, die die Wertigkeit dieser Publikationen anzweifeln. Die Leser sind mittlerweile selber Eltern, wenn nicht sogar Großeltern. Die Preisgestaltung der Verlage deutet auf die finanzielle Potenz der Leser hin, und auch die Verfügbarkeit verlangt heute eine Flexibilität und erhöhten Aufwand. Comics gibt es eben nicht mehr an jedem Kiosk, und sie sind fehlplaziert, wenn sie im Bereich der Kinderliteratur zu finden sind. Thematisch bemühen sich die Superhelden um den Anschluss an die aktuelle Politik und physikalischen Erkenntnisse, so dass auch hier eine Verwirrung hinsichtlich der Zielgruppe zu erkennen ist.

Die Frage nach der Zielgruppe dürfte in den letzten Jahren vorherrschend sein, und immer mal wieder an Substanz gewinnen, wenn es darum geht, wen man jetzt eigentlich mit den Filmen und den Serien ansprechen will. Die Filme, die sich bemühen, die Serienvermarktung bei zu behalten,  werden erstaunlicherweise zu großen Teilen nicht von den Lesern der Printausgaben besucht, sondern auch von diesen.

Wer den großen Aufwand und die Hemmnisse betrachtet, auf die sich Regisseure im Vorfeld einlassen, der ist erstaunt, wie fern die filmische Umsetzung dann doch von der Vorlage ist. Gleichzeitig überrascht das Bemühen der Verlage, diese zwei Komponenten (Print und Film) dann in Einklang zu bringen. Dieses kann nur funktionieren, weil es sich beim Comic immer noch um ein aktuelles, temporäres, vergängliches Vergnügen handelt, das schnell auf Strömungen reagieren kann. Das ständige Problem sind nur die Sammler. Sammler sind Experten. Sie berufen sich auf eine Historie, einen Kanon, eine Tradition und wünschen das ihre Sammlung nicht durch falsche Entscheidungen entwertet werden. Die aktuellen Comic-Kongresse sind ihr beliebtesten Treffpunkte, und Verlage tun gut daran, sie und die Bindung zu ihnen zu pflegen. Aber:  Sind sie auch die Basis und das Rückgrat des Umsatzes? Zieht eigentlich der Film das Comic in das Interesse einer neuen Generation oder ist es umgekehrt?

In der Geschichte der verfilmten Bücher oder Literaturverfilmungen gab es immer Abweichungen, die aber stark von der statischen Ausgangslage des gedruckten Buches geprägt waren. Das Buch war da. Der Leser des Buches die Zielgruppe. Und dann noch diejenigen, die nie dazu kamen das Buch zu lesen, aber Interesse am Stoff haben. Ein nachträgliches Ändern des Buches in Richtung Film stand nicht zur Diskussion.

Ganz anders ist es bei dem periodischen Entwickeln und Fortsetzen eines Stoffes, so wie es beim Comic der Fall ist. Hier kann man sehr wohl auf die eine oder andere Idee zurückgreifen, mit ihr spielen und sie wechselseitig in ein Medium integrieren. Es stellt sich dabei immer wieder die Frage, ob das Merchandising zu einem Film nicht dazu führen kann, oder führen muss, Figuren für die kaufmännische Praxis zu optimieren. Zum Beispiel hat bei den amerikanischen Superhelden immer mal wieder ein Blick über den Tellerrand in Richtung der amerikanischen Manga zu diversen Experimenten, Crossover, Nebensträngen und Varianten geführt, die aber langfristig nicht zur Popularität gereichten. Der Markt für den amerikanischen Superheldencomic bedient scheinbar eine komplett andere Gruppe als es die Mangas tun und beabsichtigen. Zwar befruchten sich beide Stilrichtungen, aber sie führen nicht zu einer neuen Form oder zu einer Übernahme. Wenn man es einfach ausdrücken will, dann bedienen die Mangas im westlichen Kulturraum eine jüngere Leserschaft, die Superheldencomics sind dagegen vom Aufbau traditionell und geradezu konservativ und bewegen sich daher in einem Umfeld, das mit ihnen gealtert ist.

In den letzten zwanzig Jahren lag der Fokus eindeutig auf den erwachsenen Leser mit einer hohen Kaufkraft und Neigung zur Bindung und Sammelleidenschaft. Ein gutes Zeichen dafür sind jene Faktoren, die mit der Gründung des Image-Verlages auftraten. Der Image-Verlag war ursprünglich eine Abspaltung abtrünniger Zeichner und Autoren aus dem Marvel-Verlag. Sie wollten mehr Mitbestimmung bei den Figuren, mehr Verantwortung und mehr Gestaltungsfreiheit. Der Image-Verlag fing damit alle Enttäuschten auf, wagte sich aber auch an das Thema Grenzauslotung. Eine Zeitlang sah es so aus, als ob es sich um eine Art neue Welle handelte, die die Comicszene überzog. Zwar wurde auch im DC-Verlag mit der „Rückkehr des dunklen Ritters“ ein selbstkritischer Umgang mit den eigenen Helden, hier Batman, initiiert, und die gerühmten „Watchmen“ stellten ebenfalls das komplette Genre in Frage, aber eine der wenigen Serien, die in ihrer offenen Brutalität hinterfragten, was Superhelden, gäbe es sie tatsächlich, mit unserer Welt anstellen würden, war „Miracleman“. „Miracleman“ war gnadenlos arrogant, aber der richtige Fingerzeig, der viele Autoren und Zeichner beeinflusst. Image dagegen war weder reich an Botschaften, noch mit dieser Tiefe und diesem Konzept vertraut. Image war plakativ, brutal, sexistisch und in Sprache und Gestaltung bunter und mutiger. Das Konzept ging auf. Während sich traditionelle Konkurrenzverlage wie Dark Horse immer an den großen Zwei (Marvel und DC) orientierten, gab Image innerhalb kurzer Zeit eine neue Richtung vor.

Es gab früher klare Regeln: Der Tod war in Superheldencomics ein zurückhaltendes Thema, und selten Ergebnis eines Kampfes zwischen den Protagonisten. Blut tauchte verhältnismäßig selten (am besten gar nicht) auf, und Sex war kein Thema. Helden und Heldinnen schliefen nicht miteinander, auch wenn es hin und wieder denkbar war, dass sie keusche Verbindungen eingingen. Image spielte ganz gezielt mit diesen Klischees und deutete eindeutig oder zweideutig in die Richtung. Es gab bei Marvel zwar durchaus schon Helden, wie den Punisher, die eine bedenkliche Moral pflegten, aber Spawn vom Image Verlag war dem Teufel verpflichtet und nur aus lauter Verzweiflung über sein Schicksal noch der Menschlichkeit verpflichtet, ansonsten war er ziemlich brutaler Killer. Natürlich aus guten Gründen. Versteht sich. Während sich Superman und Batman einem Ehrenkodex verpflichtet haben, dem auch Spiderman und Co. gerne folgen, wurde nun sukzessiv eine Generation eingeführt, die zwar leidend den Tod ihrer Gegner in Kauf nahm, aber von Fall zu Fall auch bereit war, den Bodycount auch entsprechend zu erhöhen. Superman, Spiderman, Batman und alle Helden der ersten Generation töteten nicht. Ein Punkt, über den heute immer wieder diskutiert wird, und der auch ganz klar in den Comics thematisiert wird ( Schurken machen sich darüber lustig, und Inkarnationen, die kurz mal die Persönlichkeit des Helden übernehmen, morden natürlich gnadenlos. Nur um dann klar zu machen, dass es sich ja gar nicht um den Originalhelden handeln kann). Wolverine dagegen nimmt es mit Armeen auf, der Punisher ist selbst die Armee, und Deathlok ist auch so ein ironiebefreitert Antiheld. Ich zähle Lobo nicht unbedingt dazu, da es sich bei Lobo um einen DC-Antihelden handelt, der als kreativer Spaß und Satire betrachtet wird, ähnlich wie Deadpool im Hause Marvel.  Zwar sind die Abenteuer von beiden Protagonisten von Gewalt geprägt, aber bedingt durch die Gegnerschaft zu Osterhase und Nikolaus auch nicht ernst gemeint. Nur – und das zeigt sich auch hier: Kinder sind nicht die Zielgruppe.

Mittlerweile ist die Kaufkraft erwachsener Kunden wechselseitig akzeptiert. Der Comichandel versteht sich als kinderfreies Areal, in dem junge Männer Unsummen für alte Ausgaben ihrer favorisierten Serie bezahlen. In den Leserbriefseiten wird über eine Historie diskutiert, die teilweise ihren Ursprung in 30-40 Jahre alten Geschichten hat, und hinsichtlich der Filme werden Regiesseure quasi verpflichtet, die Bezüge und verwirrenden Handlungsstränge zu berücksichtigen. Um neue Leser zu gewinnnen, werden von Zeit zu Zeit unglückliche Reboots der Serien veranstaltet, die aber langfristig nur dazu führen, dass man irgendwann alles zum Traum, einer Parallelwelt oder sonst einem Unglück erklärt. Die Leser und die Serien altern und es gibt scheinbar, keinen Ausweg für eine Branche, die sich nicht entschliessen kann, ob sie das gut oder schlecht findet.

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