Analoge Bilder: Doppelbelichtung

Heidelberg Ladenburg

Es sind die Fehler, die wir vermissen werden. Schon zum Beginn der digitalen Fotografie zeichnete sich ab, dass wir das Perfekte an den Bildern zwar lieben, aber gleichzeitig vermissen wir auch die Patina der Jahre.

Wir waren es sowohl in unseren Familienalben, als auch auf den Diaabenden gewohnt, dass die Fotos, die uns präsentiert wurden, alles andere als gelungen waren. Sie hatten Makel. Die Zeit hatte an ihnen gefressen, und der Moment, in dem sie aufgenommen wurden, entsprach nicht dem den wir in Erinnerung hatten. Die Farben waren anders, leuchtender oder blasser, schriller oder matter.

Und: Ein analoges Bild war anscheinend nie fertig entwickelt. Es verlor zusehends an Farbe. Beziehungsweise es drängten sich Farben in den Vordergrund, die wir im Ursprungsbild niemals gesehen hatten. Die Neubetrachtung alter Fotos zeigte uns eine Vergänglichkeit und einen Abstand. Der analogen Fotografie im privaten Bereich hafteten in fast allen Fällen Fehler an.

Diese Fehler wurden irgendwann schmerzlich vermisst. Den sie vermittelten ein heimeliges Gefühl. Es war so wie der Kratzer auf einer alten Vinylplatte. Wurde man ihm gewahr, so hat man ihn nicht geliebt, aber er war gewohnheitsmäßig da. Er war da, wenn die Musik Trost spenden sollte, er war da, wenn sie wieder gehört wurde. Er war individuell und nur auf dieser einen Platte, die man so geliebt hatte, vorhanden. Als all dieser Zauber wieder aus der viel besseren CD kommen sollte, fehlte er. Es stellte sich nichts ein, was dazu taugte an diese Zeit zu erinnern. Das Gefühl war verloren.

Ähnlich ging es mit der digitalen Fotografie. Die Bilder, schnell gemacht, schnell bearbeitet, und schnell korrigiert. Sie negierten die Fehler, die einst teuer waren, und ertragen wurden. Und weil diese Fehler nur schwer zu vermeiden waren, denn die Anzahl der Menschen, die Fotografie exzessiv und als Hobby betrieben war schon aus Kostengründen überschaubar, blieben sie in den Alben, den Diaabenden und uns allen vertraut.

In der digitalen Fotografie gab es sehr schnell Filter, die Kratzer und Flusen auf Negative nachbildeten, die den Lichteinfall billiger und beschädigter Kameras zeigten. Auch welche, die die Doppelbelichtungen möglich machten. Die Doppelbelichtung war die Königsdisziplin der einfachen, mechanischen Fotografie. Es war ein sehr früher, häufig auftretender Fehler. Der Film, wenn er belichtet war, musste weiter transportiert werden. Dieses machte man mit einem Rad per Hand, bis in einem Guckloch auf dem Rücken der Kamera die aufgedruckte Zahl des neuen Bildes auf dem Papierstreifen zu sehen war.

FotografInnen, die versiert und mit den Griffen vertraut waren, machten dieses sogleich, wenn sie eine Aufnahme im Kasten hatten. Sie drehten den Film weiter. Ein Film hatte bis zu 12 Aufnahmen, manchmal jedoch auch 16, das kam auf das Aufnahmeformat der Kamera an. Wenn die Kamera nur selten in die Hand genommen wurde, löste der oder die Fotografin den Auslöser unter Umständen zweimal auf dem selben Bild aus. Es kam zu einer sogenannten Doppelbelichtung. Die Doppelbelichtung hatte etwas geisterhaftes. Gegenstände und Personen wurden überlagert mit anderen Anteilen. Weder Fisch noch Fleisch, war das Motiv nicht mehr klar erkennbar, das Foto galt als schlecht, verdorben und wurde oft aussortiert. Nicht immer, weil – wenn der Moment unwiederbringlich war – dann war es vielleicht das einzige Bild, das davon übrig blieb.

Die Kameras entwickelten sich weiter. Mechanische Kameras bekamen eine Sperre nach dem ersten Auslösen, das heißt, der Film mußte für ein neues Foto weiter transportiert werden. Später wurde der Film automatisch nach dem Auslösen weiter transportiert. Die Möglichkeit einer Doppelbelichtung war bei vielen Kameras, vor allem im sogenannten Consumer-Bereich nicht mehr möglich.

Im professionellen Bereich gab es Modelle, die eine Doppelbelichtung weiterhin zu liessen, wenn man die Sperre über einen Schalter oder eine Menu-Einstlellung explizit ausschaltete. Denn, und das ist ja sehr häufig der Fall, mit dem verminderten Auftreten der Doppelbelichtung und der Reduzierung der Fehler, wurde sie zu einem künstlerischen Effekt, denn manche Fotografinnen zu schätzen wußte. Die Doppelbelichtung, war, als Lösungen für sie gefunden wurden, ein Element, mit dem eine Bildgestaltung versucht wurde. Und gelang. Es gibt keine offizielle Regel, wie sie angewendet werden sollte, aber es zeigte sich, dass die Perfektion nicht nur ein Ort der Sehnsucht war. Sondern eher das Gegenteil.

Die Holga ist eine chinesische, fehlerhafte Billigkamera. Eine sogenannte Toycam. Ein Plastikteil, das quasi alle Unzulänglichkeiten simpler Kameras in sich vereint. Sie hat Lichteinfall, sie hat keine gute Linse, sie muss per Hand modifiziert werden, um überhaupt Aufnahmen machen zu können und sie hat nichts, was Fehler und Missgeschicke verhindert. Im Gegenteil, sie ist quasi das Missgeschick in Reinform. Die Herausforderung ist, ob es gelingt mit ihr ein Bild zu machen, das es wert ist. Denn, so die Regel, die ungeschrieben im Raum steht, wenn mit der Holga ein Bild gelingt, dann ist es möglich mit allem zu fotografieren.

Die Holga gewinnt also ihren ganz eigenen Charme aus ihrem fehlenden Anspruch an Qualität und Zuverlässigkeit. Selbstverständlich ist mit ihr auch die Doppelbelichtung möglich, so wie fast alles, was man sonst noch so falsch machen kann.

Ich mag die Holga recht gerne, den man könnte auch sagen, dass man mit ihr eigentlich alles fotografieren kann, ein typisches, reizvolles Holga Bild kommt immer dabei heraus. Die hier gezeigten Bilder entstammen nicht alle der Holga. Darunter finden sich auch Lomoaufnahmen und Lochkamerafotos. Aber auf diese zwei Modelle gehe ich später nochmal ein.

Nicht alle Fotos dieser Galerie sind gelungen, doch sie zeigen, was möglich ist, wenn man die Doppelbelichtung absichtlich anwendet. Eine Regel könnte lauten: Gib einem Foto einen Vorder- und einen Hintergrund. Fotografiere einen Gegenstand, und porträtiere ihn dabei. Dann fotografiere Wolken oder Wasser oder Blätter. Mache dieses auch mit Menschen. Oder: Knipse einen kompletten Film durch,  und spule ihn danach komplett wieder in die Ausgangsstellung. Gib die Kamera oder den Film einem Freund oder einer Freundin und lasse sie nochmal damit fotografieren. Dieses kann man am ehesten mit billigen Plastikkameras machen, mit Lomos oder alten Rollfilmen. Auf die Besonderheiten von Toycameras gehe ich allerdings in einem der folgenden Artikel noch ein.

Mittlerweile gibt es einige Digital- und Instaxkameras, die ebenfalls Doppelbelichtungen erlauben. Bei Instaxkameras, die normalerweise ein sehr kleines Bildformat haben, etwas lichtschwach sind und einen ziemlich brutalen Blitzeffekt haben, ist das Ergebnis sehr unbefriedigend. Bei den digitalen Kameras gleicht es zwar nicht den analogen Filmen, aber es kommt mehr und mehr in die Nähe. 

Bei vielen Aufnahmen verwendeten wir neben Spielzeugkameras noch die Möglichkeiten der sogenannten Crossentwicklung. Die Crossentwicklung findet statt, wenn ein Dia-Positivfilm wie ein Farb-Negativfilm entwickelt wird. Es handelt sich um einen Sonderwunsch, der nur von wenigen Laboren erfüllt wird. Man muss dieses ausdrücklich und sehr deutlich auf die Tüte schreiben, doch es wird durchaus trotzdem ignoriert. Der Effekt der Crossentwicklung ist nicht vorauszusagen. Im besten Fall kommt es zu ausgesprochen kräftigen Farben, aber ebenso können Falschfarben das Bild dominieren. Eine Warnung muss dazu ausgesprochen werden: Die Labore versuchen Fehler in Papierbildern digital zu korrigieren. Mit Crossaufnahmen kommen diese Korrekturprogramme beim Ausdruck nicht zurecht. Das heißt, dass sich die abgezogenen Papierbilder sehr stark vom Negativ unterscheiden. Empfehlenswert ist es, die Papierbilder aus dem Labor zu vernichten und selbst Scans der Negative vorzunehmen. Sollten danach noch Ausdrucke notwendig sein, sollten die gescannten Bilder nun als Vorlage dafür dienen. Dieses kann durchaus auch wieder ein Labor machen.

Wenn ihr Fragen habt, oder ich auf ein spezielles Thema noch eingehen soll oder wenn ihr vielleicht noch Bilder sehen wollt, dann hinterlasst mir einen Kommentar.

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